Paula Dreyser

Woodstock ist nicht alles

Warum sieht der mich so an?, fragt sich die neunzehnjährige Olivia, als sie Peter 1977 das erste Mal begegnet. Sie ist Lehrling in einer Mainzer Buchhandlung, zeichnet leidenschaftlich gern, interessiert sich für Woodstock, Hippies und revolutionäre Ideen. Unentwegt, geradezu verzweifelt, sucht sie nach einem Sinn im Leben. Hals über Kopf verliebt sie sich ausgerechnet in Peter, den in Wiesbaden stationierten Offizier der Military Police. Der Vietnamveteran erwidert ihre Gefühle, kämpft aber mit seinen persönlichen Dämonen.

Was werden sie tun? Können sie die Hindernisse überwinden? Gibt es eine gemeinsame Zukunft?

Olivias und Peters Geschichte erstreckt sich über vier Jahrzehnte bis in die Gegenwart.

(Klappentext zu "Woodstock ist nicht alles" © Paula Dreyser / Cover und Foto: Minya Backenköhler)

Olivia

Die Lehre in der Buchhandlung machte ihr oft Spaß. Aber Olivia brauchte etwas, um den freien Fall aufzuhalten, den Fall ins Ungewisse, in schwarze Bedeutungslosigkeit. Sie stürzte ständig ins Bodenlose, in ihren Träumen, beim Nachdenken … Die Welt tat sich auf und verschlang sie. Zeichnen half. Yoga‑Asanas und Meditation halfen. Dann schwiegen ihre inneren Stimmen, die über einen Sinn im Leben diskutierten. Auch die unbestimmte Sehnsucht nach etwas, das sie nicht benennen konnte, ein permanentes Ziehen im Bauch, ertrug sie damit besser. Sie befand sich auf der Suche und wusste nicht genau wonach ...

Leseprobe aus Woodstock ist nicht alles / Foto: Minya Backenköhler

Peter

Am Fenster stehend schwenkte er sein Sodaglas in der Hand. Die Laternen malten Lichtkegel auf die dunklen Bürgersteige. Er drehte sich um und betrachtete nachdenklich das zerwühlte Bett. Wie sehr er dieses tiefsinnige Mädchen mochte. Selbst in Gedanken, nur für sich, widerstrebte es ihm, andere Worte zu gebrauchen. Seine Gefühle gehörten ihm allein. Keiner sollte darüber Bescheid wissen. Tatsache war, dass sie ihm schon jetzt fehlte. Vor einer Stunde erst hatte er Olivia nach Hause gefahren, nachdem sie Freitag- und Samstagnacht bei ihm verbracht hatte. Er dankte dem Schöpfer, dass er bisher noch nicht schweißgebadet neben ihr aufgewacht war oder im Schlaf gesprochen und geschrien hatte. Das kam nicht mehr oft vor, aber manchmal schon. Die Kirchturmuhr schlug eins. Also war es bereits Montag.

Ich sollte schlafen gehen, bis zum Dienstantritt bleiben mir nur wenige Stunden. Doch er war noch zu aufgewühlt. In dieser Verfassung legte er sich nicht gern ins Bett. Er würde kleine Gestalten durch den Dschungel huschen sehen, das Dröhnen der Helikopter wäre über ihm. Sich bewegende Blätterhaufen und dunkle Köpfe mit schmalen Augen, die aus dem Boden wuchsen. Entlaubte Bäume. Maschinengewehre, Schreie … Das schrille Lachen in einem thailändischen Bordel ..l.

Leseprobe aus Woodstock ist nicht alles