Paula Dreyser

"Weihnachten" aus "Calling USA" von Paula Dreyser

(Foto von Herrn G. Reuber, Mainz-Gonsenheim)

 

Zusammen mit vier Stühlen beanspruchte er fast die gesamte Mitte des Raumes. Wer sich in der Küche bewegte, war gezwungen, ständig vorsichtig um den Tisch herumzulaufen. An den vier Wänden, unterbrochen durch zwei Türen, die zum Wohnschlafzimmer und zum Flur führten, reihten sich eine einfache Kommode mit dem Fernseher, der Herd, der Kühlschrank und schließlich der altmodische Wasserstein. Auf der anderen Seite des Fensters hatte die Chaiselongue ihren Platz, daneben eine Singer-Nähmaschine, über der ein gutaussehender Soldat vor einer Baracke stehend aus einem gerahmten Bild lächelte, Lydias Großvater Richard, der im Zweiten Weltkrieg gefallen war. In allen Haushalten von älteren Leuten hingen solche Bilder von gefallenen Ehemännern, Söhnen oder Brüdern.

An die Küche schloss sich das zweite Zimmer an, in dem das ausladende Bett stand, ein kompliziertes Möbelstück, das als Einzel- und Doppelbett genutzt werden konnte. Zwischen Treppenhaus und Küche gab es noch einen winzigen Flur, der zur Toilette führte, eine archaisch anmutende Nische mit winzigem Fenster und Ziehspülung.

„Ich bin so weit.“ Lina warf ihr einen triumphierenden Blick zu. „Kann losgehen!“, fügte sie mit einem verschmitzten Grinsen hinzu.

Lydia überkam eine Welle von Zärtlichkeit, als sie Lina in ihrem besten Mantel mit feiner Lederausgehtasche und einem Seidentuch am Hals betrachtete. „Also los“, erklärte sie munter, rollte sich von der Couch, schlüpfte in ihre Jacke und schob Lina zur Tür.

Die Holztreppe knarzte, als sie nach unten gingen. Mit beiden Händen hielt Lina sich am Geländer fest. Lydia ging vor, wobei ihr nicht ganz klar war, was passieren würde, falls Lina stürzen sollte. Ihre Großmutter war um einiges schwerer als sie. Als sie auf die Straße hinaustraten, dämmerte es bereits. Für die Jahreszeit war es viel zu mild.

Das dreistöckige Mietshaus, in dem Lina wohnte, gehörte zu mehreren gleich aussehenden Gebäuden, die sich ohne Zwischenraum aneinanderreihten. Die Anlage war nach dem Zweiten Weltkrieg für Arbeiter und deren Familien errichtet worden. In den Souterrains gab es neben den eigentlichen Kellerräumen, allesamt finstere Verliese, noch Waschkeller, unglaublich faszinierende Räume. Als kleines Kind hatte Lydia ihrer Oma leidenschaftlich gern dabei zugesehen, wie sie mit einem gigantischen Stock in einem eisernen Topf rührte, der ihr bis zur Taille reichte. In diesem geradezu monströsen Gefäß waren Kleider in heißer Waschlauge herumgeschwommen. Das Wasser hatte geblubbert, Dampf war aufgestiegen und hatte den Raum erfüllt. Lydia war der Schweiß in Strömen über den Körper gelaufen. Ihre Großmutter hatte sie damals immer wieder in Staunen versetzt, wenn sie ihr erzählte, dass die Frauen früher ihre schmutzigen Kleider auf einer Waschbrücke im Rhein mit der Hand gewaschen hatten.

Mittlerweile nutzte Lina den Waschkeller nur noch sehr selten. Lydias Mutter wusch ihre Wäsche in der Maschine.

In der Straße saßen zu beinahe jeder Tageszeit Frauen an den Fenstern, vor allem im Erdgeschoss. Nachbarinnen unterhielten sich von Fenster zu Fenster oder mit vorbeilaufenden Passanten. Auch an diesem Tag geschah das Unvermeidliche.

„Hallo Lina, wie geht es so? Macht ihr euch auf den Weg zur Helga?“ Frau Müller aus dem Erdgeschoss im Nachbarhaus hatte die Arme auf dem Fensterbrett verschränkt und ihren riesigen Busen darauf gebettet. Über einer geblümten Kittelschürze trug sie eine Wolljacke.

„Ei ja, ist doch Heiligabend! Was macht ihr so?“ Lina blieb stehen.

Lydia seufzte. Weit waren sie wirklich noch nicht gekommen.

„Wir werden gleich von unserem Alfred abgeholt“, entgegnete die Angesprochene stolz.

„Oma, wir müssen weiter.“

„Der Alfred hat jetzt das neue Auto“, erklärte Frau Müller ungerührt.

„Also ich find ja so einen Käfer gut“, sagte Lina.

„Ach“, entgegnete Frau Müller, „mir reicht ja der Bus oder die Elektrische.“

„Ja, mir auch, aber zum Rumfahren ist ein Auto ganz praktisch.“ Dann veränderte sich der Ausdruck auf Linas Gesicht, wurde schwermütig. „Es gab ja Zeiten, da sind wir in die Stadt gelaufen, bei jedem Wetter.“

Jetzt redeten die beiden Frauen über die alten Zeiten. Ihre Blicke verklärten sich, die Stimmen wurden weinerlich.

Wenn sie damit durch sind, können wir gehen, dachte Lydia. Versonnen blickte sie die kurze Straße entlang. Nur ein Auto parkte hier, ein alter Opel.

Nicht alle Nachbarn kamen gut miteinander aus. Aber im Allgemeinen halfen die Leute einander ganz selbstverständlich. Die Menschen waren derb, aber freundlich, einfach, aber clever, nur einige bösartig. In ihren Gesichtern sah Lydia häufig dieselbe Schwermut, die sie von ihrer Großmutter kannte. Fast alle Mieter waren ältere Leute, viele davon alleinstehende Witwen. Die Mehrzahl von ihnen hatte zwei Weltkriege miterlebt.

Die Gärten, bepflanzt mit Blumen und Gemüse, an den Hinterseiten der Häuser bildeten beliebte Treffpunkte für die Bewohner. Bei gutem Wetter setzten sie sich zusammen, um über die Tagespolitik und die Nachbarn zu reden. Lydia hatte früher einen großen Teil ihrer Zeit auch deshalb bei ihrer Oma verbracht, weil immer irgendwelche Enkelkinder zum Spielen da waren. Sie hatte es geliebt, an Sommerabenden zusammen mit ihren Freunden leise und unauffällig im Garten hinter den Stühlen der alten Leute zu sitzen und zuzuhören. Inhaltlich hatten sie kaum etwas verstanden. Mit zum Teil ungeheurer Leidenschaft war über die Schwarzen geschimpft, den Roten eher zugestimmt, über Parteien, die Rente, den Krieg, die Gefallenen, den Wiederaufbau und darum, dass heute alles ganz anders sei, diskutiert worden

„Also, dann mach es mal gut. Grüße an Alfred und seine Familie.“

Leicht irritiert kehrte Lydia mit ihren Gedanken in die Gegenwart zurück. Hastig verabschiedete sie sich ebenfalls von Frau Müller.

Als sie die Hälfte ihres Weges zurückgelegt hatten, blitzten bereits die ersten, noch blassen Sterne an einem dunkelgrauen Himmel. Der gesamte Ort schien in Bewegung. Viele Leute begegneten ihnen, alle bepackt mit Tüten. Sie grüßten sich im Vorbeigehen und wünschten sich „Frohe Weihnachten“. In den erleuchteten Fenstern standen Kerzen. Aus den Häusern klang weihnachtliche Musik.

Lina begann, mitzusingen. „Sti-hi-le Nacht, Hei-ii-lige Nacht, alles schläft, einsam wacht …“ Ihre Stimme zitterte, klang traurig.

Je näher sie ihrer Wohnung kamen, umso unsicherer und nervöser wurde Lydia. Sie sehnte sich danach, Steve zu sehen. Gleichzeitig fürchtete sie sich vor dem Zusammentreffen zwischen ihrer Familie und ihrem Freund. Sie malte sich unschöne Situationen aus, mit dem Resultat, dass ihre Nerven, als sie endlich zu Hause angekommen waren, vor Anspannung zu zerreißen drohten.

„Es ist noch eine halbe Stunde Zeit, bis du ihn an der Bushaltestelle abholst. Lasst uns noch in der Küche ein Glas Wein trinken.“

So viel Einfühlungsvermögen hätte Lydia ihrem Vater nicht zugetraut. Eine leichte Spannung lag in der Luft. Helga wirbelte hektisch herum, regte sich über ihre Mutter auf, während Lina, behäbig und gemütlich wie sie war, überall im Weg stand.

In der wie immer blitzsauberen Küche glänzte ein festlich gedeckter Tisch mit dem guten Geschirr, Stoffservietten und Kerzen, die bereits angezündet waren. Im Hintergrund ertönte aus dem Radio dezent weihnachtliche Musik. Beim Anblick der riesigen Schüssel, randvoll gefüllt mit italienischem Salat, geschahen zwei Dinge: Lydia entspannte sich, ihr war sogar zum Lachen zumute, und es stellte sich ein Hauch von weihnachtlicher Stimmung ein. Auf den Wein verzichtete sie.

 

Die Familie empfing Steve freundlich. Lina erzählte ihm sofort von ihrem Mann, der am Ende des Zweiten Weltkrieges noch gefallen war. Lydia blieb kaum Zeit für die Übersetzung. Die Bescherung verlief deutlich chaotischer als üblich. Steve überreichte Helga und Lina amerikanisches Parfum aus der PX. Ulrich erhielt eine Mag-Lite-Taschenlampe, worüber er sich sichtlich freute. Lydia bekam ein Päckchen in rotem Weihnachtspapier mit grünen Sternchen. Darin befand sich eine Schachtel mit kleinen, vergoldeten Kreolen. Sie war entzückt und fand ihr Geschenk für ihn, ein Foto von sich in einem silbernen Rahmen und einen Spielzeugpanzer, ziemlich mickrig.

Steve allerdings war begeistert.

Duftseifen, Kölnisch Wasser und eine sehr hübsche dunkelgrüne Mokkatasse mit goldenen Mustern, Socken, Bücher, Pullover und Schokoladen wechselten die Besitzer. Fröhlich, mit leicht geröteten Wangen, übereichte Helga dem lächelnden Steve einen Korb mit Fleischwurst, Salami, Brezel, Stollen, Plätzchen und Wein.

Er strahlte.

Im Hintergrund sang ein Knabenchor Ihr Kinderlein kommet.

Beim Abendessen wurde viel gelacht.

„Ach!“, Lina redete nach dem zweiten Gläschen Wein beschwingt und viel, „früher, mit der kleinen Lydia war Weihnachten ja schöner.“ Bedauernd nickte sie. Ihr Blick verschwamm.

„Ja, da hatten wir natürlich einen größeren Weihnachtsbaum“, beeilte sich Helga zu sagen.

Daran konnte sich Lydia nicht erinnern. Der Christbaum war in ihrer Familie schon immer relativ klein ausgefallen, weil ihre Mutter die Nadeln und den Dreck nicht gerne wegmachte. Sie war bereits ziemlich müde, weil sie ständig übersetzte und niemand zu bemerken schien, dass dafür etwas Zeit einkalkuliert werden musste.

Jetzt beugte sich Lina zu Steve, der neben ihr saß, und schaute ihm vertrauensvoll in die Augen. „Aber meine Helga, die hatte ja als Kind kein schönes Weihnachtsfest.“ Sie wartete, bis Steve ihr nach der Übersetzung einen fragenden Blick zuwarf. „Warum?“, brachte er auf Deutsch heraus.

„Krieg. Da war doch Krieg.“ Linas Augen füllten sich mit Tränen.

Ulrich stöhnte, Helga unterdrückte ein Schluchzen.

Lydia hoffte inständig, dass die Stimmung nicht kippen würde.

 

 

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