Paula Dreyser

Paulas Tipp: "Mission Herodes" von Patrick R. Ullrich

Dass in seinem Roman Fantasie und Nazigeschichte miteinander verwoben werden, hat der Autor von Anfang an nicht verschwiegen. Faszinierend ist die Art und Weise wie er es tut.

Mit Mission Herodes, erstmalig 2013 als E-Book bei Amazon erschienen, hat Patrick Ullrich den ersten Band einer Tetralogie vorgelegt. Gleichzeitig handelt es sich um die Vorgeschichte zu seinem Fantasy-Epos.

In der frühmittelalterlich anmutenden Gesellschaft einer Welt, die aus den Reichen der Menschen, Elfen, Zwerge und Orks besteht, tritt Wenduul, der alte Magier des Königs von Thule, eine gefahrvolle Reise an. Er sucht ein Kind, ein Mädchen, an dessen magischen Fähigkeiten auch die Elfen und die unter dem Zeichen der Swastika reitenden Ritter des Ordens der Eugenier Interesse haben. Die kleine Gruppe der erwachten Schläfer setzt alles daran, es zu töten.
Die Handlung umfasst alle Bewegungen und Erlebnisse der beteiligten Akteure bis zum Showdown. In der Marktstadt Bacholder entbrennt am Ende ein Kampf, der darüber entscheidet, welcher Seite sich das Kind anschließen wird. Gerade noch High-Fantasy endet die Geschichte im Jahre 1918 nach der Kapitulation der Deutschen mit einem Gespräch zwischen Anhängern von Adolf Hitler.
Unbestrittene Hauptperson ist der kantige, mitunter griesgrämige Wenduul. Begleitet wird er von Wasrim, dem Baumgeist, gebändigt in einem seltsamen Gefängnis. Weitere wichtige Personen sind das Kind ohne Namen; Keleb, der junge König von Thule; der Elfenfürst Luthien; Rotgard von Fenhuuk, Sturmbannführer der Eugenier sowie die schöne Anoush und Dietrich, der die Schläfer anführt, und seltsam fremdartig wirkt in der Welt der vier Reiche.

Letztendlich dreht sich auch dieses Fantasy-Epos um den uralten Kampf zwischen Gut und Böse, eine beliebte Allegorie in zahlreichen Genres.
Die Frage ist, wie der Autor das Thema umgesetzt hat. Der Leser befindet sich sofort in einem aufregenden, komplexen Gefüge. Ausgetragen wird der zentrale Konflikt auf mehreren Ebenen. Eine derartige Inszenierung funktioniert nur, wenn der innere Aufbau der Welt, in der sich die Geschichte abspielt, mehrere Dimensionen umfasst. Auf jeder Ebene knistert es, kündigt sich Unheilvolles an. Alles beginnt in der Sphäre, wo übernatürliche Mächte ihre geheimnisvollen Pläne schmieden, setzt sich fort bis zu den Reihen der mit Magie begabten und Mächtigen, endet schließlich bei den einfachen Akteuren, viele von ihnen nur Marionetten. Auch das ist nicht ganz neu, aber seltener und kann gehörig daneben gehen. Der Erzähler muss seine komplexe Welt beherrschen! Patrick Ullrich tut es!
Eine weitere Facette zeigt sich, denn Mission Herodes spielt in einem Universum, das mindestens zwei Parallelwelten in sich vereint, die Welt der vier Reiche und die Welt der Erde im Jahre 1918. Auch derartige Werke hat es schon gegeben, aber die Verquickung zwischen einer Fantasiewelt und jener konkreten Geschichtsepoche, die uns Deutsche in besonderer Weise berührt, ist meines Wissens neu. In einer solch komplexen Struktur besteht die dramaturgische und sprachliche Herausforderung an den Erzähler nicht zuletzt darin, das, was geschieht, lebendig darzustellen. Außerdem muss die Geschichte so kraftvoll sein, dass sie das multidimensionale, parallelweltliche Setting auch ausfüllt. All das gelingt nach meiner Auffassung, und zwar in erster Linie durch die Anlage der Figuren.
Da finden sich Archetypen wie der weise Magier, der gute, junge König und der geheimnisvolle, naturverbundene Elfenfürst. Aber alle Haupt- und wichtigen Nebenfiguren zeichnen sich in gleicher Weise durch psychologische Tiefe aus. Der Leser lernt, neben wenigen Wesen anderer Spezies, echte Menschen kennen, mit ihren Eigenarten, Stärken und Schwächen. Einige von ihnen, allen voran Wenduul, machen auf dem Weg zum Showdown eine intensive Entwicklung durch. Ausgelöst und getragen wird diese durch die individuelle Auseinandersetzung im Spannungsfeld zwischen Gut und Böse. Dass zwischen den beiden abstrakten Polen alle Schattierungen von Grau existieren, und die Entscheidung für „das Gute“ immer wieder neu herausgefordert wird, steht nie in Zweifel.
Durch diese persönlichen Krisen und Dramen wird der Hauptkonflikt, die klassische Katastrophe, vorbereitet und gleichzeitig „befeuert“. Bei Wenduul und dem Kind wirkt sich die Austragung der individuellen Konflikte massiv auf andere und die Umgebung aus. So kämpft der alte Magier mit den Seelen der Schläfer, wodurch nicht nur das Wetter beeinflusst wird. Aus Zorn und Schmerz über den gewaltsamen Tod der Zieheltern wird das magische Kind zur Herrin des Feuers.
Der große Konflikt entwickelt sich zügig, spitzt sich konsequent zu. Gleichzeitig erzeugen die persönlichen Konflikte zusätzliche Spannung. Am Ende atmet der Leser auf, als sich endlich alles entlädt, im Kleinen und im Großen.
Erzählt wird in einer detailreichen, ausdrucksvollen Sprache. Immer ist der Erzähler darauf bedacht, klar zu formulieren. Dies geht zusammen mit einem ausgeprägten Hang zum gründlichen Beschreiben. Hier zeigt sich nach meiner Auffassung eine kleine Schwäche. Die mitunter minutiöse Beschreibung von Situationen und Abläufen, die man sich auch mit weniger Vorgaben vorstellen könnte, behindern das Kopfkino des Lesers. Auch der sprachliche Fluss gerät an diesen Stellen in leichtes Stolpern. Sehr ansprechend sind dann wieder dezent altmodische Redewendungen und Ausdrucksweisen, die gut zum frühmittelalterlichen Kontext passen.
Das gesamte Geschehen, obgleich sehr komplex, bleibt schlüssig. Logische Brüche, Zeitfehler oder allzu freie Interpretationen von religiösen undr geschichtlichen Bezügen sind mir nicht aufgefallen. Trotz der opulenten Inszenierung bleibt die Handlung im Großen und Ganzen klar, lediglich zum Ende hin geschieht alles zu schnell und verliert an „Konturen“.

Was nach der Lektüre bleibt, ist ein durchweg positiver Gesamteindruck. Einen wesentlichen Anteil daran haben Lektorin und Korrektorin wie auch diejenigen, die für Cover, Satz und Layout verantwortlich zeichnen. Die Geschichte stimmt inhaltlich, die Sprache fließt, Spannung wird geschickt aufgebaut. Was versprochen wurde, wird auch eingehalten. Beanstanden konnte ich nur wenig und diese Details wiegen für mich nicht so viel wie der Blick auf das Ganze.

Das Allerwichtigste ist am Ende aber, inwieweit eine Geschichte den Leser „packt“. Mission Herodes hat mich fasziniert. Dem Ende sah ich mit einer gewissen Atemlosigkeit entgegen. Daher vergebe ich 5 Sterne. Geeignet ist das Buch für Leser, die anspruchsvolle Fantasy mögen, Spaß an Bezügen zu Religion, Mystik und Geschichte haben. Die Verbindung von Fantasy und Nazigeschichte, wohlgemerkt nicht, um letztere zu verherrlichen, sondern um das, was da geschehen konnte, einmal von einer ganz anderen Perspektive zu betrachten, finde ich persönlich aufregend und spannend. Natürlich lese ich die Folgebände.

 

 

 

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