Paula Dreyser

Paulas Tipp: "Cold Britannia" von Ira Ebner

„Cold Britannia“, erschienen am 1. Januar im AAVAA-Verlag, ist Ira Ebners dritter Roman. Nachdem die Handlungen von „Schwalben“ und „Erde, Feuer, Schnee“ in Estland angesiedelt waren, kehrt die Autorin mit ihrem neuesten Werk zumindest literarisch dem Baltikum den Rücken, um sich dem Großbritannien der Jahre 1984 und 1985 zuzuwenden.
Auch dieses Werk ist einerseits ein Roman über komplexe und komplizierte Beziehungen, andererseits ein Stück Zeitgeschichte. Letzteres kommt nicht von ungefähr. Gesellschaftspolitik und Zeitgeschichte das ist Ira Ebners Ding! Auf ihrem Blog beschäftigt sich die Autorin mit aktuellen politischen Themen und der jüngeren Geschichte. In einem weiteren Blog schreibt sie einen Fortsetzungsroman über die „Endzeitstimmung der Perestroika“. Gerade hier zeigt sich ihre Experimentierfreudigkeit und ihr Mut. Sie scheut sich nicht, auch brisante Themen anzusprechen.

„Cold Britannia“ handelt vom Streik der britischen Bergarbeiter im Jahre 1984 gegen die geplanten Zechenschließungen. Die Regierung Thatcher hatte die Privatisierung staatseigener Unternehmen beschlossen, um den Staat zu modernisieren und wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Als der Streik nach einem Jahr endete, waren die Streikkassen leer, die Bergarbeiter verschuldet und ohne Arbeit. Erzählt werden die Vorgänge und Ereignisse bei der Bestreikung der Umbrage-Zeche in Nordengland. Hauptpersonen sind der Anführer der Gewerkschaft, James Thornton, genannt Red Jim, und die engagierte, emanzipierte Gewerkschaftssekretärin Hester. James ist verheiratet, unterhält aber eine Liebesbeziehung mit Hester. Ihre gefährlichsten Gegenspieler sind die Journalistin Phyllis Bundle und Daddy Delaney, einflussreicher Wirtschaftsboss und Anhänger des Thatcherismus, der die Bergarbeiter als „das Proletariat“ bezeichnet. Innerhalb der Kumpel besteht keine Einigkeit über den Streik. Von dem Streikgeld können die Familien auf Dauer nicht leben. Es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen Streikenden und Streikbrechern. Durch manipulative Berichterstattung, die Gründung einer Pseudo-Gewerkschaft und gewalttätige Polizeieinsätze wird versucht, die Streikenden mürbe zu machen, was am Ende gelingt. Auch die Standhaften müssen einsehen, dass der Kohlebergbau bald der Vergangenheit angehören wird.

Ira Ebners Roman befasst sich damit, wie Menschen fühlen, denken und handeln. Es geht darum, was in Beziehungen eine Rolle spielt, nämlich individuelle Befindlichkeiten, Ängste, Zwänge, Leidenschaften auf der einen Seite und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auf der anderen. Alles dies zeigt sich in besonderer Weise, sozusagen akzentuiert, in Krisensituationen. Als Kulisse dient daher eine gesellschaftliche Situation, in der folgenschwere politische Entscheidungen zu Umbrüchen führten. Es geht um persönliche Not, Existenzangst, Intrigen, Abhängigkeiten, Zwänge, Gefühle sowie um den verzweifelten Kampf für eine Gemeinschaft und einen Lebensstil.
Aus einer anderen Perspektive kann man sagen, dass das große Thema des Romans die Geschichten sind, welche die große Geschichte speisen. Das, was auf einer abstrakten Ebene „Auseinandersetzung mit der Staatsmacht“ heißt, wird heruntergebrochen auf konkrete Ereignisse, auf das Erleben von Menschen, die das Kanonenfutter für die große Geschichte abgeben.

Die Frage ist, wie Ira Ebner all das umgesetzt hat. Ist es ihr gelungen, dieses an sich konfuse Thema so zu bündeln, dass eine „griffige“ Geschichte daraus wird? Es ist ihr gelungen. Stellt sich als nächstes die Frage, wie sie es gemacht hat.
Voraussetzung für dieses Gelingen ist die gründliche Recherche. Der Roman spielt vor über dreißig Jahren. Diese Vergangenheit ist noch zu jung, um als historisch bezeichnet zu werden. Trotzdem kann man darüber nur schreiben, wenn gründlich recherchiert wurde. Das hat die Autorin getan. Sie kennt die geschichtlichen Eckdaten und die Zusammenhänge. Aber darüber hinaus hat sie sich in das Leben und die Alltagskultur der Bergleute eingestimmt. U.a. las sie englische Bücher zum Thema, auch von Betroffenen, hörte sich Midlands English im Originalton an.
Diese intensive Recherche ist mit dafür verantwortlich, dass Plot und Setting überzeugen. Logische oder inhaltliche Fehler habe ich nicht entdeckt. Wie sie über das Leben der Menschen schreibt, ist absolut überzeugend. Dabei muss man sich hin und wieder allerdings auch konzentrieren. Zu Beginn hatte ich einige Schwierigkeiten, mich zu orientieren. Es dauerte eine Weile, bis ich ganz im Thema und bei den Akteuren war. Das war schnell vorbei und kann mit meiner Ungeduld zusammenhängen.

Ira Ebners Figuren zeichnen sich durch psychologische Tiefe aus, sind echte Menschen. Auf diese Weise gelingt es ihr auch, aufzuzeigen, wie sehr die persönlichen Geschichten für Verhalten und Entscheidungen verantwortlich sind. Charaktereigenschaften wie Mut und Loyalität, Feigheit und Verrat, sind aus dieser Perspektive keine Bewertungen mehr, sondern erklären sich aus der Biografie und der spezifischen Lebenssituation eines Akteurs. Schwarz-Weiß-Malerei wird konsequent vermieden.
Diese vielschichtig angelegten Figuren haben einen Großteil ihrer Lebendigkeit und Überzeugungskraft der genauen Beobachtungsgabe ihrer Schöpferin zu verdanken. Ira Ebener schaut sich um, interessiert sich für das ganz Alltägliche. (Wahrscheinlich hat sie immer einen Notizblock parat.) Situationen und Routinen des täglichen Lebens werden minutiös beschrieben. Genaue Beobachtung, eine psychologisch angelegte Figur und, als weitere Voraussetzung, eine ebenso klare wie ausdrucksvolle Sprache, führen dazu, dass der Leser zutiefst mitfühlen kann. Da ist beispielsweise die Szene zu nennen, in der Hester von heftigen Gefühlen bewegt wird, als sie ein wichtiges Schreiben für James in die Schreibmaschine tippt, einen Brief, der für die Existenz der Bergleute von grundlegender Bedeutung ist:

„Hesters Finger glitten über die Tastatur. Die Schreibmaschine ratterte. Ihre Hoffnung hielt sich an jedem Wort fest, das James ihr diktierte. Sie hing an seiner Unterschrift und vervielfältigte sich mit jeder Kopie.“ (S. 10)

Diese Kostprobe ist ein Beweis dafür, dass die Umsetzung des Themas auf sprachlicher Ebene ebenfalls gelungen ist. Die Sprache ist nüchtern und klar, der Lebenswelt, von der sie erzählt, angemessen. Aber sie kann auch gefühlvolle Stimmungsbilder malen. Ira Ebners Credo dabei ist: Nicht zu viel! Weniger ist mitunter mehr!

"Er nahm einen leichten Rosenduft auf, der von ihr ausging. Rosen im kalten Frühling. Ihr Lippenstift war über den Tag verblasst."

„Cold Britannia“ ist ein rundum empfehlenswerter Roman. Die Leser tauchen ein in die Welt der britischen Bergarbeiter der 80er, nehmen teil an ihrem Leben und den Vorgängen rund um die Bestreikung der Umbrage. Das Besondere an dem Roman ist für mich seine Stimmigkeit und zwar auf zwei Ebenen. Einerseits ist die Geschichte „rund“, logisch wie auch sprachlich das ist ganz wunderbar, weil das leider nicht unbedingt Standard ist. Es existiert aber noch eine weitere Dimension von Stimmigkeit. Der Leser spürt, dass die Geschichte und die Schreiberin zusammenpassen. Der Roman ist ein „echter Ebner“. Die Autorin interessiert sich für Menschen und all das, was zwischen ihnen vorgeht. Sie schaut genau hin. Mit Leidenschaft widmet sie sich gesellschaftspolitischen und historischen Themen, engagiert sich. Und sie mag es, mit Sprache Situationen und Stimmungen zu malen. In gewisser Weise ist „Cold Britannia“ eine Symbiose aus all diesen Vorzügen und Talenten.
Mein Fazit: Unbedingt lesenswert für Menschen, die Romane mit Tiefgang mögen und sich auch mal gerne auf zeitgeschichtliche Themen einlassen. Ganz sicher ist „Cold Britannia“ ein Genuss für solche mit einem Faible für „schöne, fließende Sprache“.
Fünf Sterne – was sonst!

 

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