Paula Dreyser

Leseprobe: "Mein GI für einen Sommer"

„Das war keine Absicht“, versicherte das junge dunkelhaarige Mädchen an seiner Seite auf Deutsch.

„Schon gut.“ Marita lächelte ihnen zu und legte sich wieder hin. Den Kopf auf einem zusammengeknüllten Handtuch gebettet, beobachtete sie das Paar.

Während der GI nur wenige Schritte von ihr entfernt eine große Decke ausbreitete, zog das Mädchen den bunten Wickelrock aus. Es trug einen knallroten Bikini. Dann setzten sich die beiden dicht nebeneinander auf die Decke, der junge Mann legte den Arm um seine Freundin. Sie betrachteten ihre Umgebung, unterhielten sich, lachten hin und wieder, küssten sich.

Wie vertraut sie miteinander sind. Eifersucht machte sich in Marita breit. So will ich das auch mit Anthony.

Seit drei Wochen traf sie sich mit ihm. Bei ihrem ersten Treffen im Goldstein, einer Kneipe in der Mainzer Altstadt, in der viele amerikanische Soldaten verkehrten, hatte er sie mit seiner direkten Art und seiner rauen Stimme ebenso sehr geängstigt wie fasziniert. Seinem burschikosen Charme war sie sofort erlegen. Mit Anthony gab es keine Langeweile. Erstaunt hatte sie nach der ersten Woche festgestellt, dass sie auch ernsthaft miteinander reden konnten, dass er sich für ihr Leben interessierte, sich Zeit nahm, ihr Schulenglisch zu verstehen. Irgendwann im Verlauf dieser vergangenen Wochen hatte sie sich in ihn verliebt. In seiner Gegenwart lebte sie auf. Die Zeit, die sie sie miteinander verbrachten, prickelte wie Sekt. Ein Haudegen, ein Kämpfer, ein Macher. Die Kehrseite der Medaille war allerdings, dass er manchmal zu spät oder sogar gar nicht zu einer Verabredung erschien.

„Na, träumst du wieder vor dich hin?“ Sophie hielt ihr ein Softeis hin.

Noch etwas benommen richtete sich Marita auf und nahm das Eis entgegen.

„Da war eine ganz schön lange Schlange“, fügte Sophie hinzu. Dann setzte sie sich neben ihre Freundin.

Ein ganze Weile war Marita damit beschäftigt, an ihrem Eis zu lecken, das bei diesen Temperaturen schon die Waffel hinunterlief.

„Zum Glück sind jetzt Ferien“, erklärte Sophie inbrünstig. „Die Schule nervt ganz schön.“

„Wenn es wieder losgeht, sind wir in der dreizehnten Klasse. Nächstes Jahr im April machen wir Abitur. Kannst du dir das vorstellen?“

„Nein!“, stöhnte Sophie.

„Wann bist du eigentlich wieder mit Rick verabredet?“, fragte Marita nach einer Weile und wendete sich damit den wirklich wichtigen Dingen zu. Dass Sophie sich seit ein paar Tagen mit Anthonys Freund Rick traf, passte wunderbar.

„Keine Ahnung, wir haben ja nichts ausgemacht.“ Ein tiefer Seufzer.

Genau dieser Umstand nagte an Marita. Sie fühlte sich nur wohl, wenn sie wusste, wann sie ihren Freund wiedersehen würde. „Die haben doch so gegen sechs Uhr abends frei, nicht wahr?“, fiel ihr ein.

„Ich denke schon.“ Sophie warf ihr einen misstrauischen Blick zu. „Warum?“

Marita ignorierte die Frage. „Die Lee Barracks sind ganz in der Nähe.“

„Ja, und?“

„Ach. Nur so.“

Die Uhr am Gebäude des Hallenbades zeigte zehn Minuten vor fünf. Marita überlegte …

Sie eilten Richtung Lee Barracks. Der Weg würde etwa zwanzig Minuten dauern. Die Taschen mit dem feuchten, muffig riechenden Inhalt störten, das Gewicht zog an ihren Schultern.

Je näher sie dem Kasernentor kamen, umso mehr breitete sich dieses besondere Gefühl in ihnen aus. Die Welt öffnete sich, wurde bunter, das Leben gestaltete sich aufregender. Als sie von der Seite auf den Eingang zuliefen, sahen sie Anthony und Rick vor dem Wachhäuschen stehen. Wunderbar.

„Da sind sie.“ Sophie bebte neben Marita. „Wenn ich an meine Clogs denke, wird mir schlecht.“

Rick sah sie zuerst und hob grüßend die Hand. Anthony tat es ihm nach. Marita und Sophie richteten sich auf, ignorierten das Gewicht ihrer Taschen, bemühten sich um eine lässige Haltung.

„Mann, tut mir die Schulter weh“, zischte Sophie.

„Egal“, gab Marita steif zurück und fuhr sich noch einmal mit gespreizten Fingern durchs Haar.

„Hey, Ladies!“ Anthony kam Marita entgegen.

Ihre Knie wurden weich. Sie war hingerissen von seiner schlanken, aber muskulösen Gestalt und seinem federnden Gang, geschmeidig wie eine Katze. Sein Gesicht erinnerte an einen Raubvogel. Ohne Weiteres nahm er ihr die Tasche ab und küsste sie flüchtig auf den Mund.

Grinsend hängte sich Rick Sophies Korb über den Arm.

„Sehr nett sieht das aus, Martinez. Das steht dir gut!“, feixte Anthony.

Alle lachten. Im Büro der Unit Police neben dem Kasernentor unterschrieb Rick auf der Besucher-Liste. Marita und Sophie zeigten ihre Personalausweise vor.

„Einen angenehmen Aufenthalt, die Damen.“ Der junge Mann, eindeutig lateinamerikanischer Abstammung, lächelte freundlich.

Wie auf Wolken schwebte Marita an Anthonys Hand in die Kaserne. Vom Clock Tower, dem Turmaufsatz mit der großen Uhr auf dem Dach des langgestreckten Gebäudes, auf das sie zusteuerten, wehte das Sternenbanner.

Sophie warf ihr einen Blick zu. Marita konnte ihn deuten: Das hier ist die große, weite Welt. Das hier ist das wahre Leben.

Vor dem Gebäude, in dem die Einheit von Rick und Anthony untergebracht war, blieben sie stehen, um eine Zigarette zu rauchen. Rick verteilte Kools, die begehrten Menthol-Zigaretten aus der PX, und zündete sie an. GIs in Uniform oder Zivil liefen an ihnen vorbei. Die meisten warfen den Frolleins freundlich interessierte Blicke zu. Marita fühlte sich in eine Szene eines amerikanischen Spielfilms versetzt.

„Also, wie war das?“, fragte Rick, der Sophie an einer Hand hielt. In der anderen schwenkte er lässig den Korb. „Schwimmen wart ihr?“

„Ja, Mann!“ Anthony stellte sich Maritas Tasche zwischen die Beine und zog seine Freundin fester an sich. „Wir haben die beiden doch gesehen, durch unser Teleskop oben im Turm.“ Mit dem freien Arm zeigte er zum Clock Tower. Seine Stimme klang mit zunehmender Lautstärke immer mehr wie ein Reibeisen. Marita schmolz dahin. Joe Cocker. Rod Stewart.

„Was?“ Lachend schüttelte Sophie den Kopf.

Erst jetzt machte Marita sich klar, was Anthony gerade gesagt hatte. Sie war daran gewöhnt, dass ihr Freund Geschichten erzählte. Oft wusste sie nicht, was sie glauben konnte und was nicht. Es ging dabei um Verbindungen zur Mafia, denn Anthony war italienischer Abstammung, um Bandenkriege in der Bronx, illegale Geschäfte und Ähnliches. Auch Rick, der Sohn mexikanischer Einwanderer in Los Angeles, erzählte seiner Freundin Storys, von Gangs und Rauschgiftgeschäften. Beide Mädchen waren sich darin einig, dass nicht alles wahr sein konnte, kamen sich auch mitunter ziemlich verschaukelt vor. Andererseits erhöhten diese Geschichten die Spannung, würzten das Abenteuer und schafften eine Verbindung zu dem, worum es in amerikanischen Filmen und Serien so oft ging: Banden, Kämpfe, FBI, CIA …

„Das ist doch Quatsch“, erklärte Sophie.

„Wir haben euch genau gesehen, in euren Bikinis.“ Rick lachte und zeigte weiße Zähne, die in seinem gebräunten Gesicht leuchteten. Umwerfend sah er aus.

Hinter ihnen am Gebäude gab es jetzt eine Bewegung. Ein untersetzter GI mit dunklem Teint und indianischen Gesichtszügen trat aus der Tür.

Wie ein Neuseeländer sieht er aus, ein Maori, ging es Marita durch Kopf. Vor einigen Tagen hatte sie im Geographieunterricht einen Dokumentarfilm über Geschichte und Gesellschaft des Inselstaates im fernen Pazifik gesehen.

„Slade, alles klar, Mann?“ Anthonys Haltung glich der eines Raubtieres, das einen Feind ins Visier nahm.

„Alles cool, Rodolfi.“ Slade fixierte sein Gegenüber mit zusammengekniffenen Augen, ging langsam an der Gruppe vorbei, ohne den Blick von Anthony abzuwenden. Sein Gesichtsausdruck – eine unergründlich Maske, eine böse Maske. Auf seiner rechten Wange leuchtete eine gezackte Narbe. Er blieb kurz stehen, tippte mit der flachen Hand an die Stirn und verzog den Mund zu einem boshaften Lächeln. „Du weißt Bescheid, Rodolfi! Die Ware …!“ Dann drehte er sich um, entfernte sich, mit erhobenem Haupt.

„Was war denn das?“

„Ja Sophie, das frage ich mich auch.“ Marita wandte sich Anthony zu.

„Slade. Aus Samoa. Ein gefährlicher Typ.“

„Unangenehmer Kerl“, fügte Rick hinzu.

„Samoa?“ Sophie riss die Augen auf. „Das gehört doch nicht zu den USA! Was macht der in der US Army?“

„Er dient, so wie wir. Wir sind eine Berufsarmee“, antwortete Rick. „Wer als Ausländer in den USA lebt, kann eintreten, wenn er eine Aufenthaltserlaubnis hat.“

Marita wandte sich an Anthony, um weitere Fragen zu stellen, aber er kam ihr zuvor. „Genug davon!“, erklärte er mit diesem eiskalten Gesichtsausdruck, vor dem Marita sich einerseits fürchtete, andererseits war sie davon hingerissen …

 

 

 

 

Zurück

Einen Kommentar schreiben