Paula Dreyser

Leseprobe aus: "Woodstock ist nicht alles"

Paulas "Neuer" - Veröffentlichung im Mai / Juni 2018

EINE AUSSTELLUNG

Frankfurt am Main, April 2008

Wie schön sie ist. Fasziniert betrachtet Olivia Esthers Profil.

Esther Rosenzweig muss Anfang sechzig sein. Sicher ist das Rotbraun ihres Haares nicht die Naturfarbe, vielleicht ist sie auch geliftet, wenn, dann allerdings dezent. Über dem schmalen Gesicht mit den hohen Wangenknochen liegt ein Hauch von Spott. Der orangerot geschminkte Mund kräuselt sich ganz leicht an den Seiten. Kaum Make‑up und nur wenige Falten. Und so viel Orange! Olivia liebt diese Farbe auch.

Sie ruft sich zur Ordnung. »Ist das – Fritz Teufel?«

»Ja, zusammen mit Dieter Kunzelmann.« Esther schmunzelt und nickt mehrmals, ohne den Blick von dem gerahmten Foto an der Wand abzuwenden.

»Teufel hat doch die Kommune eins ins Leben gerufen, nicht wahr?« Die 68er – dafür interessiert sich Olivia. »Kannten Sie ihn?«

»Ja, nicht so gut, wie ich wollte, aber immerhin.« Esther wendet Olivia ihr Gesicht zu und lächelt, sieht dabei sehr jung aus.

Wieder fällt Olivia dieser nachdenkliche Ausdruck in Esthers Augen auf. So hat sie mich schon bei der Begrüßung angesehen. Fast so, als würde ich sie an jemanden erinnern, wundert sie sich im Stillen.

Jetzt berührt Esther sie leicht am Arm, geht dann zu dem Glastisch und bedeutet ihr mit einer Handbewegung, auf einem der beiden orangefarbenen Sessel Platz zu nehmen.

Eilig kommt Olivia der Aufforderung nach, registriert den üppigen Apfelkuchen, der in der Mitte des Tisches auf einer Platte angerichtet ist. Daneben steht eine Glasschüssel mit duftiger Sahne. Teller, Tassen und die Kaffeekanne leuchten in der Farbe von Mandarinen.

Ohne zu fragen, schenkt Esther ihr Kaffee ein. Während sie den Kuchen anschneidet und auf die Teller verteilt, erzählt sie mit einem sehnsüchtigen Unterton in der Stimme. »Wie Fritz Teufel habe ich Ende der Sechzigerjahre an der Freien Uni in Berlin Germanistik, Publizistik und Theaterwissenschaften studiert. Für kurze Zeit war ich Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes

»Waren Sie auch in der Wohngemeinschaft, in der K eins?« Olivia beugt sich nach vorn, teilt mit der Gabel ein Stück Kuchen ab, führt es zum Mund und kaut genüsslich.

»Nur wenige Male. Ich gehörte nicht zum inneren Kreis.« Esther trinkt einen Schluck Kaffee, scheint einen Augenblick zu überlegen. »Nach der Ausstellung über Szenen aus dem Rhein‑Main‑Gebiet in den Siebzigern konzipiere ich vielleicht auch eine über Berlin am Ende der Sechziger«, sagt sie gedankenverloren, als wäre ihr die Idee gerade gekommen. Dann blickt sie Olivia direkt an. »Zeigen Sie mir doch bitte Ihre Zeichnungen.«

»Natürlich.« Kurz ist sie verwirrt. Natürlich, das ist der Grund, warum sie in der Villa der Frankfurter Kunstmäzenin sitzt. Sie soll mit ihren Arbeiten an dieser Ausstellung teilnehmen: Die Siebzigerjahre im Rhein‑Main‑Gebiet – Alltag in unseren Städten. Als sie die schwarze Mappe aus ihrer Aktentasche zieht, geschieht etwas. Für einen winzigen Moment legt sich das Bild einer bunten, etwas schmuddeligen Hirtentasche über die elegante schwarze Ledertasche. Irritiert schüttelt sie den Kopf. Solch eine Flower‑Power‑Tasche hat sie vor ewigen Zeiten besessen. Woodstock und die Hippies mochte sie noch mehr als die 68er – damals.

Esther greift nach Olivias Mappe, legt sie auf den Schoß und nimmt den Stapel Zeichnungen heraus. Immer wieder umspielt ein Lächeln ihren Mund, während sie das jeweils obere Blatt betrachtet und dann vorsichtig nach unten schiebt. Diese an sich ungewöhnliche Weise, künstlerische Werke zu begutachten, macht Olivia nichts aus. Esther weiß, was sie tut.

»Professor Bergmann sagte mir bereits, dass Sie ein echtes Talent sind.« Die Ältere blickt auf. »Das muss auch so sein, denn er empfiehlt nur diejenigen weiter, die ihn wirklich beeindruckt haben.«

Vor Stolz über das Lob glüht Olivia – Alfons Bergmann, ihr Mentor in schwierigen Zeiten.

Esther blättert weiter. Die gleichmäßige, fließende Bewegung ihrer schlanken Hände gibt einen Takt an. Wie hypnotisiert klebt Olivias Blick an diesen Händen. Im nächsten Moment stockt der Fluss. Esther hält inne, hebt ein Blatt hoch, inspiziert es genau, mit gefurchter Stirn und zusammengekniffenen Augen.

»Ist etwas nicht in Ordnung?« Olivia wird ein wenig übel.

Esther sieht auf, wirft ihr einen langen, nachdenklichen Blick zu. Schließlich erhebt sie sich, trägt die Zeichnung zur Kommode und legt sie dort ab. »Kommen Sie bitte«, sagt sie leise.

Olivia springt auf, tritt zu ihr und betrachtet die Skizze, die Esther offensichtlich irritiert. Es handelt sich um die Darstellung eines Denkmals: Ein kniender Soldat mit Stahlhelm schaut in die Ferne, die Hände sind gefaltet. Ihr wird heiß. Das ist eine ihrer Lieblingszeichnungen und eine ihrer teuersten Erinnerungen.

Die Luft vibriert, die Umgebung flattert, ein Fenster in der Wirklichkeit öffnet sich. Sie geht zurück in der Zeit zu einem wundervollen Tag im Jahr 1977. Zwei Menschen, ein junger Mann und eine sehr junge Frau, stehen vor einem Kriegerdenkmal …

»Olivia, sehen Sie!« Esthers Stimme klingt sanft, aber bestimmt.

Das Fenster schließt sich, Olivia kehrt zurück, blickt ihre Gastgeberin überrascht an.

Mit einer Kopfbewegung weist Esther auf die Ablagefläche der Kommode. Neben Olivias Zeichnung hat sie zwei alte Farbfotos gelegt, beide sind leicht rötlich verfärbt. Eines zeigt ganz eindeutig das Kriegerdenkmal von der Skizze. Auf dem anderen blickt ein junges Mädchen, klein, schlank, mit wilder Frisur, zwar überrascht, aber glücklich in die Kamera. Hinter ihr ist undeutlich der untere Teil der Skulptur zu erkennen. Über ihrer Schulter hängt eine bunte Hirtentasche. Olivia bleibt die Luft weg. Als sie aufschaut, rücken die Wände des Raums näher und ihre Beine geben nach.

»Olivia!« Esther packt ihren Oberarm und zieht sie zum Sofa. »Setzen Sie sich, bevor Sie umfallen.«

Bereitwillig lässt sie sich auf das Sofa drücken, hat das Gefühl zu schweben. In ihren Ohren rauscht es. Sie schließt die Augen, atmet tief durch.

»Woher haben Sie die Fotos?«, flüstert sie. Hoffnung keimt in ihr auf wie ein winziger Sprössling. Sie hat sich vorbereitet für den Fall, dass dieser Tag kommen würde. Die Keltin hat ihr gesagt, dass sie das tun sollte. Vielleicht war es jetzt soweit …?

»Von meinem Cousin.« Sanft streicht Esther ihre Hand.

In diesem Moment öffnen sich die Fensterflügel in Olivias Erinnerung ganz weit. Ihr Herz droht zu explodieren. Hastig richtet sie sich auf, blickt die Ältere direkt an. Deren schimmernde Augen spiegeln Olivias überraschte Erkenntnis.

»Ich war bereits einmal hier …«

»Ja.«

»Wir haben uns schon einmal gesehen.«

»Ja.«

»Der Fotograf …«

»… ist Peter Thompson, mein Cousin.«

 

Copyright © Paula Dreyser / Foto und Cover-Entwurf: Minya Backenköhler

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