Paula Dreyser

Leseprobe aus "Woodstock ist nicht alles" - Olivia ist Tinkerbell

Freitag, 29. April 1977

»Tinkerbell, heute bist du nicht so recht bei der Sache!« Mit der HB‑Packung klopfte Michael rhythmisch auf den Tisch. »Conditional One ist ja an sich nur Wiederholung.«

Olivia und er kannten sich schon lange, weil ihre Eltern befreundet waren. Michael studierte Amerikanistik und Politikwissenschaften. Hin und wieder nahm er sie mit zu Studentenpartys. Da Olivia auch nach Abbruch des Gymnasiums weiterhin regelmäßig englisch sprechen wollte, gab er ihr ein- bis zweimal in der Woche eine Englischstunde. Er war wie ein Bruder und sie vertraute ihm.

»Ach, alles so schwierig.« Ungehalten schnippte sie einen Papierfetzen weg.

»Wieso?« Er fuhr sich durch seine halblangen aschblonden Locken. Dann warf er die Zigarettenschachtel auf den Tisch, schüttelte resigniert den Kopf, nahm sich eine und zündete sie an. »Verloren!«, erklärte er und zog die Schultern nach oben.

»Das mit den Amerikanern …« Sie kam nicht weiter, wusste nicht, was sie überhaupt zum Ausdruck bringen wollte.

»Was denn, Kleine?« Er schlug das Englischbuch zu, stützte den Kopf in eine Hand und nickte ihr aufmunternd zu.

»Ich habe einen GI kennengelernt, viel älter als ich, und der ist so – nett. Es gibt doch kaum jemand, mit dem ich über das reden kann, was mich wirklich interessiert.«

Die Worte purzelten aus ihr heraus. Sie war vollkommen durcheinander, schon wieder. Das passierte ihr in letzter Zeit oft. Ich brauche etwas Festes in meinem Leben, etwas Wahres, woran ich glauben kann.

Michael griff über den Tisch und nahm ihre Hand. »Das ist doch gut«, sagte er freundlich. »Einen Typ, der ein wenig älter ist, kann ich mir für dich sehr gut vorstellen.«

»Aber …« Olivia kämpfte darum, ihre kleine persönliche Welt in Ordnung zu bringen. Was sie tat, musste zu ihrer Überzeugung passen, auch wenn sie nicht genau wusste, welche Überzeugungen sie eigentlich teilte.

»Lass mich raten! Du sagst, er ist schon älter. Dann war er – in Vietnam?« Er tätschelte ihre Hand.

»Ja!« Ihre Stimme – kaum mehr als ein klägliches Krächzen.

Michael nickte und zog an seiner Zigarette. »Soldaten müssen in den Krieg ziehen, wenn sie geschickt werden.« Einen Moment dachte er nach. »Das gilt auch dann, wenn sie anderer Meinung sind.«

 

© Paula Dreyser / Illustration: Carolin Olivares, Lektorat Carolin Olivares

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