Paula Dreyser

Mit Blick auf den Fischtorplatz ...

Leseprobe aus "Woodstock ist nicht alles"

Mai 2008

»Bis dann.« Krachend fällt die Tür zu.

Olivia zuckt zusammen. Sie weiß nicht, wie lange sie auf den Bildschirm gestarrt hat. PeterBrite007 ist angefragt auf Skype. Wird er antworten? Jetzt muss sie warten.

Ihr fällt ein, dass sie ihrer Tochter noch etwas sagen wollte und läuft schnell zum Erkerfenster. Von dort hat sie freien Blick auf den gesamten Fischtorplatz. Isabel stürmt in Richtung Dom. Um zehn Uhr tritt sie ihren Schülerjob in der Damenabteilung bei Peek & Cloppenburg an.

Vielleicht würde sie die Rufe ihrer Mutter hören, aber Olivia entscheidet sich, es nicht zu versuchen. Wahrscheinlich würde sie sowieso nicht reagieren. Zurzeit ist das Leben mit ihrer siebzehnjährigen Tochter schwierig. Sie freut sich, dass Isabel heute noch zu ihrem Vater fahren wird, um das Wochenende dort zu verbringen.

Schäm dich, schalt sie sich im Stillen. Allerdings kann sie nicht ausschließen, dass Isabel die meiste Zeit bei Piet, ihrem Freund, sein wird. Er ist fünf Jahre älter als das Mädchen, verdient als Schreiner sein Geld, hat eine Wohnung und steht auf eigenen Füßen. Sie mag den jungen Mann.

Ein Blick auf die Uhr: neun Uhr vierzig. Um zehn muss sie das Antiquariat aufschließen. Der Weg dorthin dauert nur zwei bis drei Minuten, je nachdem, ob sie an der Fußgängerampel warten muss oder nicht. Samstags ist erst ab etwa elf Uhr mit Kundschaft zu rechnen. Trotzdem fühlt sie sich gestresst und überfordert.

Seit dem Gespräch mit Esther am Mittwoch vergangener Woche ist nichts mehr, wie es war. Zuerst glaubte sie, ihr Leben sei dadurch aus der Spur geraten. Der Traum aber hat ihr klar gemacht, dass dies ihre Chance ist, der richtigen Spur zu folgen, einen neuen Weg einzuschlagen, der von der inneren Leere wegführt. Peter – er ist der Erste in der Reihenfolge.

Neben dem normalen Alltagsleben zieht sie die Fäden und bereitet vor. Sie tut, was sie tun muss, aber der größte Teil ihrer Energie fließt in den Plan, ihn wiederzusehen. Alles möchte sie schnell erledigen, fühlt sich getrieben. Das Tempo in ihrem Inneren ist viel rasanter als das Tempo im Äußeren.

Text: © Paula Dreyser / Foto: Carolin Olivares

Lesung am 6.6.2018 im Weinhaus Michel:
https://www.michel-wein.de/weintermine/weintermine.html

Auf Youtube: dreimal lustig / zweimal ernst

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