Paula Dreyser

Leseprobe aus "Mein GI für einen Sommer": Auf den Hund gekommen

„Ich fasse es nicht, Sophie!“ Kopfschüttelnd betrachtete Marita das, was sich ihr gegenüber bot. Dabei spielte sie mit ihrer Zigarettenpackung, Peter Stuyvesant – der Duft der großen, weiten Welt.
Als würde er verstehen, um was es geht, knurrte der Foxterrier in Sophies Arm. Eine Schleife schmückte seine Stirn und die kurzen Fellhaare bewegten sich sanft in dem Windzug, der durch die gekippten Fenster in die Straßenbahn strömte.

„Was soll ich machen?“ Sophie schmunzelte. „Hätte ich unsere Coco nicht mitgenommen, wäre ich heute nicht von zu Hause weggekommen. Wir haben Besuch von meiner Tante und ihrer Familie. Eigentlich sollte ich in einem hübschen Kleid rumsitzen und mich nett unterhalten.“

„Da hast du ganz schön Glück gehabt. Deine Mutter legt bei euren Familientreffen doch so großen Wert auf Anwesenheit.“

Mechanisch streichelte Sophie den kleinen Hund, der jetzt zwar nicht mehr knurrte, aber auf ihrem Arm unruhig hin- und her zappelte. „Ich glaube, sie wollte Coco loswerden, weil sie in letzter Zeit so viel bellt. Außerdem denkt meine Mutter ja, dass wir mit zwei deutschen Jungs aus gutem Hause im Venezia Eis essen.“ Sie seufzte und fügte bedauernd hinzu: „Deshalb kann ich auch nicht so lange bleiben. Spätestens um halb fünf muss ich zurück sein.“

Schweigend genossen sie den Fahrtwind. Die Straßenbahn knatterte und ruckelte. Als sie in den Bahnhof einfuhren, sahen sie ihre Freunde bereits vor dem Eingang zum Zugbahnhof stehen. Eine große Erleichterung! So gelassen wie möglich stiegen sie aus. Die Luft flirrte vor Hitze. Beide trugen leichte Baumwollkleider mit Rüschen am Ausschnitt. Das hatten sie so verabredet. Coco hielt Ruhe auf Sophies Arm, schaute sich neugierig um.

Grinsend kamen Rick und Anthony ihnen entgegen, beide mit einer Zigarette zwischen den Fingern.

„Wen haben wir denn da?“ Rick küsste seine Freundin, amüsierte sich dann augenscheinlich sehr über Coco, die wieder knurrte.

Anthony, mit Marita im Arm, streichelte den Hund. Coco schnappte nach ihm. Allgemeines Gelächter. Ohne weitere Umschweife ließ Anthony Marita los, nahm den verdutzten Hund, hielt ihn kurz vor sein Gesicht und kläffte. Mehrere Leute drehten sich um. Einige schüttelten den Kopf, andere lachten. Marita war klar, was die Meisten dachten: Diese Amis!

Ein kleiner Junge, an der Hand seiner Mutter, blieb stehen und sah fasziniert zu. „Was machst du mit dem Hund?“, fragte er Anthony.

„Ich mache dasselbe wie er. Er soll wissen, dass ich ein echter Kerl bin.“

Nachdem Marita übersetzt hatte, nickte der Junge, bevor er sich mit seiner Mutter entfernte.

Anthony setzte Coco ab und nahm die Leine an sich. Gutgelaunt setzten sie sich in Bewegung. Artig stolzierte Coco voran.

„Mein Kumpel benimmt sich gut.“ Anthony nickte triumphierend.

„Dein Kumpel ist ein Mädchen“, sagte Sophie.

„Oh, das erklärt alles.“ Anthony pfiff durch die Zähne und zwinkerte Marita zu.

„Steht dir, Rodolfi“, feixte Rick.

Anthony wandte sich zwei älteren Damen in geblümten Kleidern zu, die ihnen entgegenkamen. Er deutete einen Diener an, wies mit der freien Hand auf den Hund. „Meine Freundin“, erklärte er auf Deutsch.

Marita an seiner Hand lachte zwar, wusste aber nicht, wohin sie schauen sollte. Die Damen lächelten zurückhaltend und setzten ihren Weg fort. Diese Amis! Weiter schlenderten sie Richtung Innenstadt.

„Wohin gehen wir? Zum Rhein?“, fragte Rick.

„Lieber nicht.“ Sophies Stimme klang leicht panisch. Sie wollte nicht riskieren, dass jemand, den sie kannte, sie beim Sonntagsspaziergang an der Hand eines GIs entdeckte.

„Lasst uns Eis essen.“

„Ja, warum nicht? Cool.“ Ricks Zähne blitzten, als er lächelte.

Marita nickte Sophie zu. Sie wusste in etwa, was ihre Freundin dachte. Bevor sie in das Eiscafé hineingingen, würden sie vorsichtig abchecken, ob jemand, den sie kannten, drinnen saß. An einem der hinteren Tische im Venezia sitzend, wäre die Lage gut zu überblicken. Sie würden vorbeigehende Passanten und natürlich auch diejenigen, die hereinkamen, gut beobachten können. Sollte es brenzlig werden, blieb ihnen Zeit, zu reagieren. Sie würden sich zur Not auf dem Klo verstecken, sich irgendwie hinausstehlen oder sonst etwas tun. Das Ambiente lieferte die perfekten Rahmenbedingungen für diese Mischung aus Nervenkitzel, Abenteuerlust und Spannung. Gleichzeitig bot die Räumlichkeit die Möglichkeit, das Ganze einigermaßen zu kontrollieren.

Bald bogen sie in die Lotharpassage ein, in der das Venezia lag. Dort angekommen setzten sie sich an einen der hinteren Tische. Artig schmiegte sich Coco an Anthonys Fuß.

Als sie mit ihren Eisbechern beschäftigt waren, erklärte Rick: „Das schmeckt sehr gut, aber die Portionen back in the world sind einfach viel größer.“

Ja natürlich! Alles ist bei den Amerikanern immer größer und protziger und wichtiger … Marita fühlte sich bei diesem Gerede wie ein Landei und spürte den Drang, sich und die Art, wie man in der Bundesrepublik lebte, zu verteidigen. Aber Deutsche waren daran gewöhnt, sich in diesen Dingen zurückzuhalten …

„Muss immer alles so riesig sein?“, fragte jetzt auch Sophie.

„Auf jeden Fall müssen die Autos groß sein“, erklärte Anthony und stach mit seinem Eislöffel in die Luft.

„Und die Pizza“, ergänzte Rick.

„Ja genau und außerdem … immer gewinnen.“ Während Sophie das sagte, beobachtete sie durch die Scheiben ununterbrochen, was auf der Straße vor dem Eiscafé vor sich ging. Die Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Natürlich immer gewinnen!“ Anthony schlug mit der Faust auf den Tisch und lachte. Coco zuckte an seinem Bein kurz zusammen

In diesem Moment wurde Sophie kreidebleich. „Nachbarin!“, hauchte sie.

Marita sah zur Tür: Eine ältere, sehr elegante blonde Dame und ein ebenso gepflegter Herr im leichten Sommeranzug traten ein. Der Eindruck stilvoller Zurückhaltung täuschte. Frau Meister war eine der aktivsten Tratsch-Tanten aus dem Vorort, in dem Sophie und Marita wohnten. Gehetzt blickte Marita sich um, erklärte den Männern, worum es ging.

Sofort beugte Rick sich über seine Freundin, sodass sie von der Tür aus nicht zu sehen war.

„Coco muss weg“, zischte Sophie.

Anthony schnappte den Hund, drehte seinen Stuhl etwas und setzte sich Coco auf den Schoß. Durch seinen Körper war sie vor den Blicken von Herrn und Frau Meister, die an einem Tisch im vorderen Bereich Platz genommen hatten, geschützt. Als spürte Coco, um was es ging, hielt sie still.

„Ich zahle“, flüsterte Marita. „Dann müssen wir sehen, wie wir hier rauskommen.“ Anthony gab ihr Geld. Sie winkte der Kellnerin und beglich die Rechnung.

„Was machen die Meisters?“ Sophies Stimme klang erstickt.

„Sie bestellen gerade. Gehen wir, sie sind abgelenkt.“

„Marita hat recht. Du läufst an meiner linken Seite, etwas hinter mir“, erklärte Rick, der das Ganze mittlerweile auch lustig zu finden schien. Seiner Stimme war anzumerken, dass er schmunzelte.

Jetzt nahm er seine Kappe ab, setzte sie seiner Freundin auf den Kopf und zog den Schild tief in ihre Stirn. Sophie wurschtelte ihren dicken Pferdeschwanz unter die Kappe.

„Wenn wir gehen, kannst du Coco so tragen, dass Sophies Nachbarn sie nicht sehen können, falls sie in unsere Richtung blicken.“ Marita nickte Anthony zu, der jetzt den Kopf nach vorne schob und mit großen Augen wild um sich sah. „Gleich ist es soweit!“ Sie kam sich vor wie eine Agentin im Einsatz. Art der Mission: Undercover. Auftrag: Zielperson sicher aus dem Eiscafé herausbringen.

Die Kellnerin stand am Tisch der Meisters, zwischen den Gästen und der Eingangstür. Perfekt. „Jetzt!“, bestimmte Marita.

Mit Schwung erhob sich Anthony, streichelte Coco dabei, die er fest an sich gedrückt hielt. Krachend fiel sein Stuhl zu Boden. „Verdammt!“ Sein Pokerface flatterte. Er konnte sich ein Lachen kaum mehr verkneifen.

Aller Augen richteten sich auf ihn. Marita platzierte sich vor Sophie, die ihr gegenüber auf der anderen Seite des kleinen Tisches neben Rick stand, das blanke Entsetzen im Gesicht. Auch Rick postierte sich vor Sophie.

„Entschuldigen Sie!“ Anthony schaute lächelnd in die Runde, nickte allen zu und stellte den Stuhl wieder hin.

Sie verließen das Eiscafé – ein eingeschworenes Team, stark gegen den Rest der Welt. Sophie war von Rick und Marita verdeckt, Anthony ging voran. Coco gab keinen Mucks von sich. Als sie an Sophies Nachbarn vorbeiliefen, etwas hölzern, erhobenen Hauptes, alle mit starr geradeaus gerichtetem Blick, waren die mit ihrem Eis beschäftigt.

Wieder in der Lotharpassage entfernten sie sich eilig ein paar Schritte, stellten sich dann in eine Ecke und lachten los.

Eine Gruppe Jugendlicher mit langen Haaren, in Baumwollhemden und mit Peace‑Buttons an den Hirtentaschen schaute belustigt zu ihnen herüber. Zwei kleine Kinder, die mit ihren Eltern unterwegs waren, zeigten mit den Fingern auf sie. Coco bellte.

(Foto: Liborio Lee Palermo II)

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