Paula Dreyser

Gastbeitrag von Ira Ebner: Daddy Delaney, der Gegenspieler des Helden in "Cold Britannia"

"There can be no liberty unless there is economic liberty”. Margaret Thatcher

Working Class gegen Upper Class. Sozialstaat gegen Marktwirtschaft. Die Umbrüche hin zu der globalisierten Welt, die wir kennen, begannen in den 1980er Jahren. Der Miners' Strike von 1984/85 war ein entscheidender Wendepunkt. Will man den Erhalt staatlicher Industrien, oder den freien Markt?

Alan Delaney repräsentiert den schmierigen Großkapitalisten, der auch die Strippen in der Politik zieht. Country Clubs, wo sich die Upper Class nach der Fuchsjagd zu Pimm's und Sandwiches trifft, sind seine Welt, genauso wie das herrschaftliche Haus mit Pool, Wintergarten und Butler. Willige Handlangerin ist ihm Phyllis Bundle, die wir bereits vorgestellt haben.

Sie nennt ihn "Daddy". Bei einigen Lesern hat das zu Missverständnissen geführt - Delaney ist nicht ihr leiblicher Vater, sondern ihr ideologischer Ziehvater. Es besteht keineswegs ein inzenstiöses Verhältnis zwischen den beiden.

Während des Miners' Strike entluden sich die Klassenkonflikte mit voller Wucht. Für Delaney sind die Gewerkschaften "fortschrittsfeindlich". Einen Gegner, den es um jeden Preis zu vernichten gilt, ist der "kleine Kohlekönig aus Notts" James Thornton. Zu einer Begegnung der beiden Männer kommt es am Rande einer Demo in London ...

Der Fahrer versuchte, die Staus auf den Straßen um die Jubilee Gardens zu umgehen, während er Alan Delaney zu seiner Aufsichtsratssitzung brachte.

         „Bleiben Sie auf der Belvedere Road und halten Sie links an“, sagte Delaney, stützte den Ellenbogen gegen das Fenster und blickte auf die Prozession der Bergleute und ihrer Gewerkschaft. „Dann komme ich eben eine Viertelstunde später. Das müssen Sie einfach gesehen haben.“

         Der Fahrer hielt den Jaguar am Gehsteigrand an. Ein Auto hupte, kam aber wegen des Staus nicht sehr viel weiter. Jetzt regelten die Bobbies den Verkehr. Männer und Frauen marschierten hinter ihren Bannern her. United We Stand! Schuhe und Hosenbeine im Regen. Die Melodien ihrer Lieder und die Posaunen und Trommeln klangen in Delaneys Ohren, doch was sie sangen, erreichte ihn nicht. Ein Junge klopfte an seinem Fenster und hielt eine Sammelbüchse hin. Delaney verscheuchte ihn mit einer Handbewegung wie eine störende Fliege. 

         NUM Sherthorpe – United We Stand! Delaney blickte auf. Da ging sie einen Schritt hinter ihm, und doch nah genug an seiner Seite. Schritt für Schritt in ihren durchnässten Strümpfen und Schuhen. Sie lächelte mit zusammengebissenen Zähnen und hielt den Passanten ihre Sammelbüchse hin. Dabei erzählte sie von den streikenden Kumpels und deren Familien und bedankte sich für jede Münze, die hereinfiel. Andere huschten mit ihren Regenschirmen an ihr vorbei. Sie setzte neben ihm den gemeinsamen Weg fort. Das war also diese Hester. Sie konnte einem schon gefallen.

         Sein Gesicht. Delaney erkannte es sofort. James Thornton, der Bannerträger. Regentropfen benetzten die Gläser seiner Brille und Wasser troff von seinen Haaren. James bemerkte den Jaguar. Blicke kreuzten sich und zwei Welten trafen aufeinander. Delaney liebte den Kapitalismus. Er liebte Hayek, den Heidelberger Professor, und er liebte Mac the Knife*, den schottischen Amerikaner. Er wollte auch so sein wie Mac the Knife und predigen, was Hayek schrieb. Land of the free, land of opportunity. Der Geist des freien Unternehmertums, der Geist der freien Hand. Wenn man dem Geld freie Hand ließe, ohne den gängelnden Wohlfahrtsstaat, der den Unternehmergeist beschränkte. New Order.

         Delaney hasste den Sozialismus. Alles, was die selbstregulierenden Kräfte des Markts beschränkte, war Sozialismus. Der Sozialismus belohnte die Faulen mit der Stütze. Mehr Leistung, keine Gleichmacherei. Sein Gegner stand neben ihm. Er sah ihn an. Sein Gesicht war das des Sozialismus. Den er bekämpfen musste.

         Ein Bobby trat an die Fahrerseite und streckte seinen Helm in das heruntergekurbelte Fenster.

„Sie können hier nicht stehen bleiben“, sagte er. „Drehen Sie hier vorne um.“

Der Fahrer nickte und ließ den Motor an. Der Bobby winkte ihn herum, und er wendete den Jaguar.

„Ja“, seufzte Delaney. „Ich habe genug gesehen. Bringen Sie mich jetzt zur Sitzung.“

 

*Ian McGregor, Vorsitzender der britischen Kohlebehörde NCB, u.a. für die Zechenschließung und die gewaltsame Auflösung von Streiks verantwortlich.

© Ira Ebner 2014

 

Zurück zum Ausgangspunkt, Nottinghamshire 1984: Die Kohlekumpel legen die Arbeit nieder und protestieren. Red Jim, wie sie ihn nennen, stellt sich als Gewerkschaftsführer hinter sie. Aber nicht ganz Nottinghamshire schließt sich dem Streik an - darum gilt die Grafschaft im Norden noch immer als "Scab County". 

James' Konfrontationskurs mit Polizei und Regierung stellen nicht nur seine Stellvertreter Jack Archer und Marc Scarfold in Frage - auch zu Hause stößt er bei seiner Frau Caitlin auf wenig Verständnis. Was zwischen den beiden einst als Studentenliebe begonnen hatte, ist längst zu einer Fassade mit zwei Kindern im Reihenhaus geworden. Der Streik mit seinen abendfüllenden Krisensitzungen und vor dem Zechentor lässt den Rosenkrieg eskalieren. 

Und schließlich ist da die junge, emanzipierte Hester, die genauso für Menschlichkeit kämpft wie er selbst ...

Eine unveröffentliche Passage aus dem Manuskript von "Cold Britannia"

Auf James‘ Schreibtisch stapelte sich das Papier. Anweisungen von oben. Der Kaffee dampfte in der Tasse und er versenkte zwei Stück Zucker. Er faltete die Zeitung auf. Thornton: Unsere Antwort ist Streik, darunter er selbst, vor den Mikrofonen, der Wind stellte ihm die Haare auf. Das Telefon läutete. Hester verband. Dringend. Er nahm die trockene Zigarette aus dem Mund und hob den Hörer ab.

„Hier Mansfield“, meldete sich der Kollege. „Wie sieht es aus, Jim? Bekommt ihr die Mehrheit zusammen?“

In der Leitung knackte es, als schaltete sich noch jemand ein

„Sieht so aus“, antwortete James.

Er blieb vage, da er spürte, dass jemand mithörte. Er setzte sich.

„Wir brauchen euch“, sagte der Kollege. „Wir zählen auf dich.“

„In zwei Stunden treffe ich mich mit Ellsworth“, sagte James.

Das Gespräch mit den Bossen vom NCB war kein Geheimnis.

„Um zu verhandeln“, fuhr er fort.

„Was gibt es denn noch zu verhandeln?“, entgegnete der Kollege.

„Er hat Gesprächsbedarf“, erklärte James. „Wir gehen rein, dass es nicht den Anschein hat, wir seien unzuverlässig. Auch wenn das NCB die Zeche dicht machen will und das ebenfalls beschlossene Sache ist. Ellsworth ist nur ein Verwalter, mehr nicht.“

„Na schön, geh hin“, sagte der Kollege. „Wenn er jemanden zum Reden braucht, vielleicht heult er sich bei dir aus. Viel Erfolg, Genosse.“

Er beendete das Gespräch. Hester blieb in der offenen Tür stehen.

„Komm ruhig rein“, sagte James und legte den Hörer auf.

Er rührte den Kaffee, nahm einen Schluck und steckte sich die Zigarette an. Sie brachte ihm ein weiteres Schreiben.

„Noch eine Antwort“, sagte sie. „Am besten liest du sie selbst.“

„Danke“, entgegnete James.

Hester wandte sich ab. James schlug die Mappe auf. Wieder ein Ortsvorsitzender, der erklärte, dass eine Zeche nicht von der Schließung betroffen war und er daher keinen Grund sah, zu streiken. James fühlte einen Klumpen in seinem Magen. Verdammt! Er zog fest an seiner Zigarette. Rauchschwaden drinnen, Wolken draußen. Am Himmel zog etwas auf. James rauchte die Zigarette und sah auf die Uhr. Er lutschte ein Fisherman’s und verließ sein Büro.

„Ich geh zur Zeche rüber“, sagte er zu Hester.

„In Ordnung“, entgegnete sie.

Im Flur traf James auf Marc Scarfold. Der stellte sich ihm in den Weg und fragte: „Alles in Ordnung, Genosse? Wohin gehst du?“

„Was soll sein?“, entgegnete James. „Du weißt, dass ich zu Dick muss.“

„Und, was willst du ihm sagen?“, fragte Scarfold. „Es sieht nicht gut aus. Nicht für uns. Also überleg dir was.“

„Was soll ich mir überlegen?“, fragte James.

„Vielleicht solltest du mit Dick über etwas anderes reden als den Streik“, sagte Scarfold. „Jamie, du blamierst dich. Ich hab dich gewarnt, dass wir keine Mehrheit zusammenkriegen.“

„Woher willst du das wissen?“, entgegnete James. „Ich hab keine Zeit, mit dir darüber zu diskutieren. Schon gar nicht hier im Flur. Ich werde schon mit ihm fertig.“

Scarfold trat zur Seite. James eilte die Treppen hinunter.

 

© Ira Ebner 2014

 

 

 

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