Paula Dreyser

Gastbeitrag: Ira Ebner stellt ihre Romanheldinnen vor (2)

Ähnlich wie Gesa, aber in einem anderen Jahrzehnt in einem anderen Land, nimmt es die Bergmannstochter Hester Simmons mit ungleichen Gegnern auf. Dem einen oder anderen dürften die Bilder des Britischen Bergarbeiterstreiks von 1984 in Erinnerung sein. Und genau dorthin wird euch Hester führen, ins England der Thatcher-Jahre.

Anders als der konservative Süden und die zum Finanzplatz aufstrebende Metropole London ist Nordengland in den 1980er-Jahren noch immer von der Stahl- und Kohleindustrie geprägt. Margaret Thatcher, die Eiserne Lady, hatte gerade die britischen Stahlwerke abgewickelt, einst Rückgrat des Landes. Nach wie vor ist der Norden Hochburg der Gewerkschaften und der Labour Party. 

Hester stammt aus dem Kohlerevier, Vater und Bruder fahren als Kumpels der Umbrage-Zeche unter Tage. Frauen ist es nicht gestattet, diese harte, lebensgefährliche Arbeit zu verrichten. Ihnen ist der Platz zu Hause und in der Familie zugewiesen, meistens von einem frühen Alter an. Anders als die Gleichaltrigen wählt Hester ein selbstbestimmtes Leben, „Kompromiss-Beziehungen“ liegen ihr nicht. Ohne es zu wissen, ist sie Feministin. – Ist der Feminismus nicht etwas für das Volk da unten im Süden? Politisch interessiert und energisch steht sie dem Gewerkschaftsführer James "Red  Jim" Thornton als dessen Sekretärin zur Seite.

In ihrem Zechendorf mit seiner Methodistenkirche, dem Förderturm und Straßen, die nach Blumen benannt sind, geht es beschaulich zu. Doch am weiten nordenglischen Himmel ziehen düstere Wolken auf, die nicht vom Kohlestaub stammen: Maggie will die Zechen schließen. Die Gewerkschaft antwortet mit einem Streik, der die Eiserne Lady zu Fall bringen soll. Während Red Jim die Kumpels der Umbrage-Zeche darauf einschwört, ziehen Polizei und Milizen ihren Kreis enger und auch die Medien beziehen Position für Regierung und Wirtschaft. Hesters große Stunde schlägt. Sie mobilisiert die Frauen und tritt an die vorderste Front an der Streiklinie. Je lauter Hester für den Erhalt der Zeche eintritt, je unerschrockener sie sich dem korrupten wie sadistischen Constable Lyndon entgegenstellt, umso mehr akzeptieren die Kumpels sie als eine von ihnen – und Red Jim ist sicher nicht unbeeindruckt …

 

Leseprobe aus „Cold Britannia“

 

Hester legte das Kinn in die Hand. Ihre grünen Augen verloren jede Wärme. Das Aus der Umbrage betraf ihren Vater und ihren Bruder. Beide waren Bergmänner. Die Schließung betraf ganz Sherthorpe. Sie betraf den ganzen Norden, überall, wo Zechen standen.

     „Das nehmen wir nicht hin“, sagte James.

Seine grauen Augen funkelten.

„Es wird Streiks geben, in den Kohlegebieten und im ganzen Land, solange bis die Regierung die Schließung von Zechen wie der Umbrage oder Cortonwood drüben in South Yorkshire zurücknimmt. Wir akzeptieren nur die Stilllegung wegen erschöpfter Flöze oder Sicherheitsrisiken. Das ist weder hier, noch in den meisten anderen Zechen der Fall.“

„Cortonwood“, griff Hester auf. „Ist es Zufall, dass Arthur* dort wohnt?“

James schob die Brille zurück und nahm den Ordner wieder in die Hand. Damit stellte er sich vor Hester.

     „Es gibt keine Zufälle“, entgegnete er.

Er nahm einen leichten Rosenduft auf, der von ihr ausging. Rosen im kalten Frühling. Ihr Lippenstift war über den Tag verblasst.

     „Ich möchte, dass du folgendes schreibst“, sagte er, ging auf und ab. „Wir sprechen es in der heutigen Versammlung ab (...)“

*Arthur Scargill, britischer Gewerkschaftsführer (Anmerkung der Autorin)

 

© Ira Ebner 2014

 

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