Paula Dreyser

Gastbeitrag: Ira Ebner stellt ihre Romanheldinnen vor (4)

Phyllis Bundle, Gegenspielerin der Gewerkschafterin Hester, hat ihren Aufstieg aus Sheffields Glasscherbenvierteln zur Chefredakteurin des Daily Messenger den richtigen Beziehungen zu den richtigen Leuten zu verdanken. Ihr leiblicher Vater war Stahlarbeiter und hat die Familie für eine andere Frau verlassen. Auf dem College bekam Phyllis zu spüren, woher sie stammt, doch der Wirtschaftsboss und Strippenzieher in Westminster, Alan Delaney, entdeckte wohl früh ihr Talent und öffnete ihr die Türen in die Upper Class. Seither nennt sie ihn "Daddy". Schön ist sie nicht, eher groß und grobschlächtig. Mit ausgestreckten Ellenbogen geht es die Karriereleiter nach oben. "Yuppie" wäre die beste Bezeichnung und den Kindern der 1980er dürfte der Begriff noch in Erinnerung sein. Junge Aufsteiger, die sich das Mantra der "Eigenverantwortung" zunutze gemacht haben und schnell reich wurden.

Als im März 1984 der Bergarbeiterstreik beginnt, zitiert Delaney Phyllis zu sich auf sein Anwesen. Seine Instruktionen an die Journalistin sind klar: Von Anfang an soll Stimmung gegen die Kumpels und die Gewerkschaftsführung gemacht werden. Wer mit Forderungen von Arbeitsplatzerhaltung und mehr Staat kommt, ist ja "fortschrittsfeindlich" und gegen die Regierung. Phyllis gehorcht. Für das Proletariat empfindet sie Verachtung. Derweil hegt Delaney einen noch besseren Plan: Um die Gewerkschaft zu schwächen und den Streikbrechern ("Scabs") eine Basis zu schaffen, gründet er regierungstreue Gegengewerkschaften.

Im Gegensatz zur britischen Yellow-Press ist der deutsche Boulevard harmlos wie ein Pixi-Buch. In riesigen Lettern wird gegen die Lieblingsfeindbilder lautstark polemisiert und die Kampagnen gehen ins Eingemachte. Von Anfang an war klar und heute ist es auch erwiesen: Ob Polizeieinsätze oder Medienkampagnen, die Befehle kamen von "ganz oben" und waren gewollte und erfolgreiche Propaganda.

Mit diesem Auftrag reist Phyllis durchs Land, von Zechentor zu Zechentor, interviewt Kumpels und Gewerkschafter. "Mein Name ist Phyllis Bundle vom Daily Messenger. Wie fühlen Sie sich?" Um an Informationen zu kommen, lässt sie sich vom sadistischen Ortspolizisten Anthony Lyndon vertrauliche Informationen geben. Ihre Lieblingsfeinde sind Hester und James Thornton, die ihr bald Stoff für eine schmutzige Geschichte liefern.

Während Phyllis in den Country Clubs der Upper Class ein- und ausgeht, offenbart sich die weniger glänzende Seite ihres Lebens: Die Einsamkeit, wenn sie in ihr Londoner Appartement zurückkehrt. Mit jedem Aufstieg bleibt immer etwas auf der Strecke, und für jeden, den sie dafür aus den Weg geräumt hat, gibt es einen Preis zu bezahlen …. 

 Leseprobe aus "Cold Britannia"

„Guten Tag, Madam“, begrüßte Lyndon Phyllis und ließ sie in seinem Dienstzimmer Platz nehmen. „Was führt Sie in die Gegend?“

„Ich bin wegen eines Artikels hier“, antwortete sie und schlug die Beine übereinander. „Sie wissen ja, die neue Gewerkschaft. Ich habe eben mit dem Vorsitzenden und einem Kumpel gesprochen, der wieder arbeiten geht. Schlimm, nicht wahr, wenn er Angst vor seinen früheren Kollegen haben muss?“

„Ja, schlimm“, sagte der Constable. „Wir haben alle Hände voll zu tun. Zum Glück haben wir Unterstützung.“

„Die Regierung lässt Sie in Ihren Polizeistationen nicht alleine“, sagte Phyllis. „Ich war vorhin noch im Pub, weil ich etwas über Miss Simmons herausfinden wollte. Man wollte mir dort keine Auskunft über die Dame geben. Sie haben gemerkt, dass ich Journalistin bin und waren sehr unfreundlich. Auch der Wirt.“

„Es sind immer die gleichen, die im Deerhound herumhängen“, sagte Lyndon und beugte sich vor. „Taugenichtse und Tunichtgute. Sie stecken ihre Köpfe zusammen und überlegen sich die nächsten Aktionen gegen uns.

Nun zu Miss Simmons, über die Sie mehr wissen möchten. Kommen Sie.“

Der Constable stand auf und führte Phyllis nebenan, wo ein Polizist vor dem Computer saß.

„Geben Sie mir alle Daten unter dem Namen Simmons“, befahl der Constable und wandte sich Phyllis zu: „Hester Simmons. Jetzt Nummer Zwei in der NUM Sherthorpe. Der Vater Schlosser in der Umbrage und im Streik. Man nennt sie auch die Kohleprinzessin. Sie hängt immer an Red Jims Seite. Man könnte meinen, die beiden sind ein Liebespaar. Ist vielleicht was dran. Oder auch nur Geschwätz. Ich hab sie im Auge.

Die Kleine ist ziemlich renitent. Da – Faustschläge gegen Polizeischilder, Handgreiflichkeiten gegen einen Beamten der Metropolitan Police und Aufwiegelei. Weil sie eine Frau ist, haben wir bisher Gnade vor Recht ergehen lassen.

Hier – das ist die Akte über ihren Bruder Michael Simmons. Auch er hat schon einige Einträge. Das liegt bei denen wohl in der Familie.“

Phyllis lehnte sich über die Schulter des Polizisten und las am Bildschirm mit. Sie hatte ihr Bild über Hester zusammen. Die Kohleprinzessin. Fehlte nur noch ein Teil und es war komplett.

 (Ira Ebner, Februar 2017)

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