Paula Dreyser

Gastbeitrag: Ira Ebner stellt ihre Romanheldinnen vor (3)

Zwei Bücher und die zweite Seite – Morsbachs kleine Elfe: Judith

Es gibt die Ehrlichen und die Hintertriebenen, es gibt edle Motive und solche, die darauf ausgerichtet sind, anderen bis zu deren Vernichtung zu schaden. Kein Roman kommt ohne diese Gegensätze aus. Auf der einen Seite stehen die Protagonistinnen, auf der anderen ihre Gegenspielerinnen.

Gesa, deren Ziel der Wahlsieg ihres Mannes ist, steht auf der einen Seite. Ihre Widersacherin ist die Praktikantin Judith Kling. „Praktikantin“ liest sich so unschuldig wie die langen blonden Haare, die braunen Kulleraugen und das Lächeln, mit dem Judith permanent gute Laune verströmt, vermuten lassen. Wenig Makeup, unscheinbare Kleidung – so betritt Judith einen Raum, dennoch sind ihr die Blicke und die besondere Zuneigung der Männer gewiss. Warum nur? Löst sie Beschützerinstinkte aus? Ist es ihre Heiterkeit, durch die immer durchscheint, sie sei jederzeit zu haben und ließe keine Wünsche unerfüllt?

„Es braucht ein skrupelloses Herz." Das legt ihr Albert Morsbach, ihr Geliebter und Arne Steenborgs ärgster Widersacher, eben an dieses. So schreitet sie zur Tat und wird Praktikantin in der Wahlkampfzentrale im Willy-Brandt-Haus. Judith schafft es, mit ihrer fröhlichen Unschuld, Menschen zu manipulieren. Lediglich die missmutige Vera Winter, mit der sie sich das Büro teilt, scheint immun zu sein und zu durchblicken, was Sache ist. Konflikte zwischen den beiden grundverschiedenen Frauen sind vorprogrammiert.

Nebenbei existiert Judith als Troll „Tinka Bella" auf Facebook. Kanzlerkandidat Arne Steenborg wird von der kleinen Elfe Tinkerbell sogleich mit Komplimenten überschüttet. Und bald findet Judith ein williges Opfer, dessen Verstand sie mit einem Augenaufschlag ausschaltet. 

Wollt ihr sie kennenlernen? Ab jetzt übernehme ich keine Garantie für das, was danach passiert, liebe Männer …

Im Hintergrund lief Killing Me Softly, als sich Judith an die Bar setzte. Handtasche und Handy legte sie vor sich, bestellte dann einen Aperol Sprizz. Während sie wartete, tippte sie die alten Nachrichten an. Dominik hatte versucht, sie während der Fahrt zu erreichen. Jetzt könnte sie ihn zurückrufen. Nachdenklich nippte sie an ihrem Aperol. Das Eis schmolz langsam. Sie tippte auf die Facebook-App und suchte Steenborgs Seite. Auf Tinkas Kommentar hatten einige Trolle reagiert. Immer noch debattierten sie heftig mit den Arne-Anhängern. Judith war zufrieden.

Albert Morsbach betrat die Bar. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass er sich umsah, wohl um sie zu suchen. Sie lutschte die Orangenscheibe aus, drehte sich auf dem Hocker um und schlug die Beine übereinander. Der Saum des Zara-Kleides verrutschte.

„Hallo.“ Albert küsste sie auf die Wange.

Sie streichelte sein Knie. „Hallo“, entgegnete sie und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich habe einige Infos aus erster Hand für dich. Möchtest du etwas trinken?“

„Aperol ist mir zu süß“, sagte er. Dann wandte er sich an den Barkeeper: „Einen Whisky on the Rocks.“

Eiswürfel klirrten im Glas. Albert bezahlte gleich für die Drinks. Er nahm einen ersten großen Schluck. „Bist du ihm schon nahegekommen?“

Judith schüttelte den Kopf. „Sollte ich?“

„Du weißt, warum.“

Sie warf die Haare zurück und verzog den Mund. „Überlass das mir. Tinka, die Elfe, hat heute einen guten Job gemacht. Ich bin dein Geld wert.“ Sie sah ihm in die Augen und beugte sich vor. Ihre Hand ruhte auf seinem Schenkel, während er sein Glas austrank. Ihr Atem streifte seinen Hals. „Lass uns ficken“, sagte sie. „Jetzt.“

Alberts Mund stand offen. Er griff nach Judiths Hand und zog sie vom Hocker.

„Sag mir, was es Neues in Berlin gibt“, forderte er auf dem Weg nach oben in die Romantiksuite.

„Erzähl‘ ich dir“, entgegnete Judith. „Eins nach dem andern.“

 

 

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