Paula Dreyser

Fremd und doch vertraut - Leseprobe aus "Calling USA"

Claire neben ihm, in einem ähnlichen Hemd, grinste. „Ich muss ihn wärmen“, erklärte sie spitzbübisch. Sie wandte sich an Lydia. „Petra sitzt im Wohnzimmer.“

Randy und Steve unterhielten sich über irgendeinen Sergeant. Claire richtete jetzt ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Seifenoper, die gerade im Fernseher lief. Die Küche war zum Wohnbereich hin offen. Allerdings konnte man von hier aus nicht das gesamte Wohnzimmer überblicken. Der Fernseher, der in der Nähe des Fensters auf einem Tischchen stand, war aber sehr gut zu sehen.

Lydia empfand es immer noch als ungewöhnlich, dass in amerikanischen Haushalten nahezu ununterbrochen der Fernseher lief, manchmal in mehreren Zimmern.

Sie ging ins Wohnzimmer, wo Petra auf dem Sofa saß und rauchte, vor sich ein aufgeschlagenes Fotoalbum. Bei einer von Randys und Claires Partys hatten sie sich kennengelernt und angefreundet. Petra war so alt wie Lydia. Vor einigen Wochen hatte sie ihren amerikanischen Freund geheiratet.

„Hallo.“ Lydia nahm neben Petra Platz. „Wieder eine Hochzeit mit pastellfarbenen Kleidern für die Brautjungfern.“

„Yep!“ Petra grinste.

Belustigt betrachteten sie sich die Fotos von Claires und Randys Hochzeit; viele braun gebrannte Gesichter mit breitem Lachen, junge Männer in hellblauen Anzügen mit Rüschenhemden, junge Frauen in Rosa mit Blumengestecken in kunstvoll arrangierten langen Haaren.

„Rosa und Hellblau“, sagte Petra auf Deutsch.

„War das bei deiner Hochzeit auch so?“

„O nein!“ Petra schüttelte den Kopf. „Wir waren nur auf dem Standesamt und dann mit der Familie essen. Danach feierten wir mit Freunden.“

„Woher kommt Bill?“

„New Jersey.“

Lydia horchte auf, fühlte sich irgendwie erleichtert.

„Warst du schon mal dort?“, fragte sie.

„Nein, aber in drei Monaten gehen wir in die Staaten. Ich weiß noch nicht wohin, aber sicher lerne ich dann auch Bills Familie in New Jersey kennen.“ Petra blies den Rauch ihrer Zigarette in Kringeln aus.

Lydia sah ihr eine Weile fasziniert zu. „Wie machst du das? Ich kriege das nicht hin.“ Sie zündete sich eine Zigarette an und versuchte es. Ohne Erfolg.

„Du musst den Rauch ausstoßen.“ Petras Rauchkringel zogen sich in die Breite, bis sie sich auflösten.

Lydia verschluckte sich bei ihren Bemühungen und hustete.

Lachend klopfte Petra ihr den Rücken.

„Hast du keine Bedenken?“, krächzte Lydia.

„Eigentlich nicht. Ich bin froh, von meiner Familie wegzukommen. Wir vertragen uns nicht besonders gut.“

Ich weiß gar nicht, ob ich so ganz von meiner Familie wegwill, überlegte Lydia.

Randy und Steve betraten lachend den Raum, Ersterer mit einem Brettspiel unter dem Arm.

Auch das noch. Sie hasste Gesellschaftsspiele.

Petra stöhnte ebenfalls.

„Hey Petra.“ Steve zwinkerte ihr zu, beugte sich dann zu Lydia hinunter und gab ihr einen flüchtigen Kuss.

„Okay Ladys, wir spielen Fulda Gap.“ Jim begann damit, den niedrigen Tisch vor der Couch leer zu räumen. Er trug eine Vase mit künstlichen Blumen, ein kleines Raumschiff und ein paar Figuren zum Fenstersims.

Star wars“, sagte Petra, die ihn ebenfalls beobachtete.

„Yep, Luke Skywalker, Han Solo, Darth Vader und R2-D2“, entgegnete Randy, nicht ohne Stolz.

Dann setzten sich die beiden Männer auf den Boden und begannen, das Spiel aufzubauen.

„Claire, bring den Männern Bier“, brüllte Randy.

„Den Ladys bringe ich Bier“, kam die prompte Antwort.

„Dieses Spiel ist mir unheimlich.“ Petra sprach weiter Deutsch.

„Der Name ist schon gruselig, Fulda Gap – The First Battle of The Next War. Die spielen das so locker wie wir Mensch ärgere dich nicht oder Mühle.“ Lydia antwortete ebenfalls auf Deutsch.

Sie waren irritiert und unangenehm berührt. Mit gemischten Gefühlen betrachteten sie Steve und Randy, die sich mit jungenhafter Begeisterung dem Spielaufbau widmeten. Auf einer Unterlage war das strategisch so bedeutsame Gebiet an der Zonengrenze wie in einem Kinderbuch dargestellt. Im Verlauf des Spiels wurden Bilder von Panzern und anderem militärischen Gerät angeordnet.

„Strategiespiel.“ Petras Stimme klang ausdruckslos. „Ein Angriff der Warschauer Pakt-Staaten wird simuliert.“

„Alles klar hier?“ Claire erschien mit einem Tablett voller Getränkedosen und Chips.

„Könnte nicht besser sein“, rief Randy gut gelaunt.

Während Claire das Tablett auf das freie Tischende stellte, sah sie immer wieder zum Fernseher.

Steve und Randy waren endlich soweit.

„Auf geht’s!“ Randy rieb sich die Hände.

„Zehn zu eins, Mann. Da müssen wir verdammt gut sein.“ Steve blies den Rauch seiner Zigarette aus. Seine Mimik entsprach in etwa dem des Cowboys in der Marlboro-Werbung, die gerade die Seifenoper unterbrach.

„Wir sind verdammt gut.“ Randys Gesichtsausdruck erinnerte an den eines kleinen Jungen, der begeistert die Vorgänge an einer Baustelle beobachtet.

„Wovon reden die? Zehn zu eins …?“ Fragend wandte sich Lydia an Claire, die sich dazugesetzt hatte und mittlerweile der Unterhaltung folgte.

„Zehn russische Panzer kommen auf einen von unseren“, erklärte sie fröhlich wie immer, aber mit unergründlichem Gesichtsausdruck.

 

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