Laufendes Projekt:
Woodstock ist nicht alles (Arbeitstitel)

Leseprobe: Tequila Sunrise

Olivia verlor sich in dem Rot, Orange und Gelb ihres Drinks: Tequila Sunrise. Das klang wie der Titel eines Hollywood-Films. Sie spürte Alex‘ Hand an ihrer Schulter. Er hatte den Arm hinter ihr auf die Lehne gelegt und berührte sie nur ganz leicht. Das Restaurant im Amelia Earhart Hotel überforderte ihre ohnehin überreizten Sinne. Alles war größer und glänzender als sie es gewohnt war. Einige der männlichen Gäste trugen ihre Uniform.

„Gefällt es dir?“ Lee grinste sie breit an über den Tisch hinweg. An seine Schulter schmiegte sich eine sorgfältig geschminkte Blondine, die nur unwesentlich älter als Olivia war, viel lachte und wenig redete. Petra! Sie hieß Petra.

„Yes“, antwortete Olivia artig. Wie eine Verdurstende zog sie an ihrem Strohhalm, schmeckte zuerst nur den Orangensaft, dann im Hintergrund eine bittere Note.

„Also du hast diesen Club für GIs verboten, weil schwarzen Soldaten der Zutritt verweigert wurde?“ Lee zeigte mit den Fingern, zwischen denen seine Zigarette steckte, auf Alex.

„Yep.“ Alex nahm einen Schluck Bier. Dann ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen, während er mit den Fingern der linken Hand auf der Tischplatte den Rhythmus zu In The Ghetto trommelte. Die auf ihn gerichteten fragenden Blicke ignorierte er.

„Man hat schwarzen Soldaten … den Zutritt verweigert?“ Olivia wachte auf. „Wie meinst du das?“

„Ich meine, dass weiße GIs rein durften und die schwarzen eben nicht.“

Petra schlenkerte ihren Bacardi Cola. „Weiße und schwarze GIs gehen doch meistens in unterschiedliche Clubs“, sagte sie schlicht.

Olivia horchte auf.

„Das ist dann die Entscheidung von jedem Einzelnen oder es ergibt sich so. Aber wenn ein deutscher Wirt Unterschiede macht, können wir dieser Diskriminierung nur so begegnen, indem wir den Club oder die Kneipe off limits setzen.“

Olivia starrte Alex an. Seine Ausführungen machten Sinn, aber irgendetwas störte sie. Sie war sich sicher, dass es dazu noch etwas zu sagen gab, aber es fiel ihr gerade nicht ein. Bei dem nächsten Schluck Tequila Sunrise wartete sie genüsslich auf den herben Nachgeschmack.

 

Foto-Tour in Frankfurt am 16.06.2016!

Das erste Kapitel von "Woodstock ist nicht alles ..." spielt in Frankfurt, im Januar 2016. Olivia, die Protagonistin, läuft von der Händelstraße, Nähe Deutsche Nationalbibliothek, in Richtung Holzhausenviertel.

Wir haben überprüft, ob Wegstrecke sowie Beschreibung des Ambiente stimmen und ein paar Ungereimtheiten gefunden. Bringe ich in Ordnung. Danke Männer!

Foto von Foto Woehl, Offenbach!

Leseprobe: So nah und doch so fern

Die dritte Leseprobe ist aus dem mittleren Teil des Romans "Woodstock ist nicht alles ..." (Arbeitstitel)

Nach ihrer ersten Begegnung 1975 trennen sich die Wege von Olivia und Alex. Olivias Leben spielt sich weiterhin überwiegend in Mainz und Wiesbaden ab. Alex macht Karriere bei der Airforce, kehrt immer wieder nach Deutschland zurück, betraut mit unterschiedlichen Aufgaben.

Immer wieder besteht die Möglichkeit, dass sie sich über den Weg laufen. Es könnte geschehen, beinahe ...

So nah und doch so fern

Wiesbaden, Juni 1992

Ich könnte hineingehen. Unschlüssig stand Olivia vor dem Maldaner in Wiesbaden. Sie liebte dieses Café: die lange Theke mit Kuchen- und Tortenköstlichkeiten unter Glas, die glitzernden Flaschen, schimmernden Porzellangefäße und Gerätschaften rund um die Zubereitung von Kaffee in den Regalen. Jetzt an einem der kleinen, runden Tische oder auf einem Plüschsofa sitzen bei Kaffee und Kuchen, umgeben von Kostbarkeiten, mit einem Hauch von Kaiserzeit und Kaffeehauskultur – das wäre wunderbar. Sie könnte an ihrer Skizze der Marktkirche weiter arbeiten. Eine Weile noch betrachtete sie die Menschen, die in der Marktstraße unterwegs waren. Viele von ihnen waren auffallend gut gekleidet, offensichtlich Leute mit Geld. Schmunzelnd erinnerte sie sich an die „traditionell schwierige“ Beziehung zwischen Mainzern und Wiesbadenern.

In ihrer Kindheit und Jugend hatte sie etliche Zoten darüber gehört. Irgendwie hatte sie all das übernommen und, nicht ganz ernsthaft, die Meinung vertreten, dass die Wiesbadener hochnäsig wären. An der Mainzer Uni hatte sie sich allerdings ausgerechnet mit einer Wiesbadenerin angefreundet. Christiane hatte wie sie mit Anfang dreißig noch ein Studium der Kunstgeschichte begonnen.

Sie genoss diesen Moment. Bis jetzt war es ein guter Tag gewesen, sonnig, angenehm warm. Von einer Sekunde zur nächsten veränderte sich ihre Stimmung. Die innere Ruhe und das behagliche Gefühl verflüchtigten sich. Warum? Aus einem der Geschäfte drang Musik an ihre Ohren: So Darlin´, Darlin´ Stand, By Me …

Die Marktstraße mit ihrem modernen Ambiente verwandelte sich. Es war so, als würde sich etwas verschieben. Die Gebäude sahen jetzt etwas älter aus, weniger Leuchtreklamen funkelten, die Menschen waren altmodischer gekleidet, Schlaghosen, große Kragen über knappen, gemusterten Pullovern, Plateauabsätze. Eine Telefonzelle …

Ein GI, schlank und hochgewachsen, blond, mit kantigem Gesicht, ein ironisches Lächeln um den Mund und ein zierliches, dunkelhaariges Mädchen, einige Jahre jünger als er, schlenderten gemächlich die Marktstraße entlang, direkt auf den Maldaner zu. Sie hielten sich an den Händen, unterhielten sich angeregt. Das junge Mädchen blieb immer wieder stehen, wendete sich dem Mann zu, sah zu ihm auf, gestikulierte leidenschaftlich mit der freien Hand. Die Nähe zwischen den beiden schaffte eine durchsichtige Glocke, die sie umgab und vom Rest der Welt abschnitt. If the sky that we look upon … Die beiden kamen näher, gingen an Olivia vorbei in den Maldaner.

Die Zeit sprang wieder nach vorn, rastete ein im Hier und Jetzt. Die Straße präsentierte sich wieder bunt und modern, alles so, wie man es heutzutage im Einkaufszentrum einer größeren Stadt erwartete.

Olivia fühlte sich so merkwürdig, dabei so einsam, dass sie gerne geschrien hätte. Die Luft blieb ihr weg. Sie konnte nicht mehr schlucken. Ich werde doch jetzt nicht hyperventilieren! Sie zwang sich, den Atem anzuhalten, beruhigte sich langsam. Ich sollte hineingehen …

Gerade als sie die Hand nach dem Türgriff ausstreckte und sich wieder dieses Glücksgefühl in ihr ausbreitete, hörte sie einen Schrei und einen lauten Knall. Ihre Hand zuckte zurück.

 

Alex liebte dieses Café. „Vielen Dank!“ Er zwinkerte der hübschen jungen Bedienung zu, ein zierliches Mädchen mit grünen Augen.

Die junge Frau servierte ihm Apfeltorte mit Sahne zu einem Kaffee. „Bitte schön“, sagte sie schlicht, entfernte sich, flink und anmutig.

Sie erinnerte ihn an ein anderes deutsches Mädchen, dass er vor vielen Jahren gekannt hatte, während seiner ersten Stationierung in Deutschland. An die Zeit als Pilot dachte er gerne zurück. Good old days. Er gestattete sich ein kurzes Abtauchen in vergangene Zeiten. In Olivia war er sehr verliebt gewesen. Aber sie schafften es nicht, zueinander zu kommen. Was, wenn es ihnen gelungen wäre? Wie hätte sich das auf seinen Lebensweg, seine Karriere ausgewirkt? Er seufzte. Ich wäre vielleicht genau da, wo ich heute bin, wäre nach einem langen, erfolgreichen Militärdienst strategischer Berater für die Air Force. Die Erinnerung begann zu schmerzen. Sie war klug. Sie hätte es verstanden, wenn, ja, wenn was?  - Wenn ich mir mehr Mühe gegeben hätte …?

Noch tief in Gedanken versunken stach er in sein Stück Kuchen. Bevor er die Gabel in den Mund schob, zuckte er kurz zusammen, als von draußen ein Knall zu hören war.

 

 

 

Leseprobe: Ohrringe zu Ostern - Easter Earrings

Im zweiten Kapitel beginnt die Rückblende ins Jahr 1975. Olivia lernt Alex kennen. Sie will von amerikanischen Soldaten eigentlich nichts wissen, weil sie sich für WGs, die Kommune 1 in Berlin und Woodstock interessiert ...

Freitag, 21. März 1975

Warum sieht der mich so an? Olivia schwelgte noch in dem federleichten Hochgefühl des Nachmittags in der Wohngemeinschaft. Der Blick des GIs störte sie. Gerade war er an die Litfaßsäule herangetreten, stand jetzt dort, sehr aufrecht, sehr gerade, genau in dem Ausschnitt, den sie zeichnete. Über seinem Kopf blitzte die Reklame für eine Single von Udo Jürgens: Griechischer Wein, gleich daneben eine Kinowerbung: Der Pate, Teil 2.

Unschlüssig tat sie ein paar Schritte. Der Amerikaner folgte ihr mit den Augen, die Brauen etwas nach oben gezogen. Ein angedeutetes Lächeln umspielte den Mund, freundlich, offen, ein klein wenig spöttisch. Groß und schlank war er, das Gesicht schmal und kantig, die Haare aschblond.

An wen erinnert er mich nur? Sie starrte zurück, obwohl sie das gar nicht wollte. Bestimmt ein Pilot, stationiert in Finthen. Das leichte Kribbeln im Sonnengeflecht irritierte sie. Was sollte das? Ami go home.

Seit sie dabei war, in Werners Welt einzutauchen, hörte sie Janis Joplin und Jimi Hendrix, bedauerte zutiefst, dass sie 1968 zum Woodstock-Konzert erst neun Jahre alt gewesen war. Das Gefühl, zu spät geboren zu sein, nagte an ihr. Jetzt war sie sechzehn, bereit, hatte aber diese wunderbare Zeit des Aufbruchs und der neuen Ideen knapp verpasst.

Sie stand mit dem Amerikaner auf einer Höhe, der Abstand zwischen ihnen betrug etwa zwei Meter. Ihr stockte der Atem. Ob vor Erstaunen oder Entrüstung hätte sie nicht sagen können. Der GI hob grüßend die Hand. Sein Blick war offen, klar, etwas herausfordernd.  

Sie warf ihm einen giftigen Blick zu, steckte den Zeichenblock in die bunte Hirtentasche und lief an der Litfaßsäule vorbei zur Haltestelle der Buslinie Nr. 13. Blaue Augen und blonde Haare. Ich mag sie sowieso lieber dunkler. Olivia fühlte sich völlig verunsichert.

Auf dem Schillerplatz war viel los wie in der gesamten Mainzer Innenstadt. Es war kein gewöhnlicher Freitag, sondern der Freitag vor dem Karfreitag und die Schulferien hatten bereits begonnen.

Sie zwang sich dazu, sich nicht mehr umzudrehen. Der GI interessierte sie grundsätzlich nicht, weil …

 

Eine neue Idee, ein erster Plot, ein ungefährer Klappentext

Die Antiquarin und Hobby-Zeichnerin Olivia freut sich über das Angebot, an der privaten Ausstellung einer Frankfurter Kunstliebhaberin teilzunehmen. Unter dem Titel „Die 70er-Jahre: Alltag in unseren Städten“ sollen Fotos und Gemälde mit Motiven aus den Städten Frankfurt, Wiesbaden und Mainz aus dem Zeitraum präsentiert werden.

Der Name der engagierten Kunstliebhaberin klingt in Olivias Ohren seltsam vertraut ebenso die Frankfurter Adresse, wo das erste Treffen stattfinden soll.

Beim Gespräch mit der Mäzenin fällt ihr Blick auf ein Foto. Jetzt versteht sie ihre merkwürdigen Empfindungen. Sie kennt das Foto und erinnert sich daran, dass sie von der Familie der Kunstliebhaberin und deren unkonventionellen Ausstellungen schon einmal gehört hat. Damals war sie sehr jung, wusste nicht, wie sie die Leere in ihrem Leben ausfüllen sollte. Um ihrem Leben einen Sinn zu geben, zeichnete sie hingebungsvoll Szenen aus dem Mainzer Stadtleben. Außerdem suchte sie ihre Erfüllung in der Woodstock-Revival-Szene. Die Amerikaner interessierten sie natürlich nicht … An dieser Einstellung hatte sie festgehalten, bis es zu spät war.

Die ersten 20 Seiten sind geschrieben.

Leseprobe

Es beginnt im Jahre 2016 in Frankfurt, bevor der Hauptteil in das Mainz der späten 70er zurückführt.

Eine Ausstellung

Under Pressure! Wie ein Warnschild ploppt der Titel in ihrem Verstand auf, genau in dem Moment, als sie von der Händelstraße in die Eckenheimer Landstraße abbiegt und vier arabisch aussehende junge Männer auf sich zukommen sieht.

Seit David Bowies Tod werden in den sozialen Medien ununterbrochen Musikvideos des Künstlers gepostet. Under Pressure! Eines ihrer Lieblingslieder – vor allem in der A-capella-Version von Freddy Mercury und David Bowie – handelt an sich von den Zwängen und Ängsten des Lebens im Allgemeinen.

Aber es passt auch jetzt für diese ganz konkrete Angst. Olivias Herzschlag beschleunigt sich, auf ihrem Brustkorb liegt ein schwerer Stein. Under Pressure! Nicht hecheln, ruhig atmen!

Am frühen Vormittag ist in dieser an sich geschäftigen Gegend, in den Sträßchen, die von der Hauptstraße wegführen, nicht viel los. Verschlafen liegt die Händelstraße hinter ihr. Schräg gegenüber ragt der imposante Bau der Deutschen Nationalbibliothek wie eine Wächterin in den grauen Januarhimmel. Alles sieht frostig aus, passend zu den Temperaturen. Der Verkehr auf der Eckenheimer steht nie still, auch dann nicht, wenn keine Stoßzeit ist, so wie jetzt.

Es ist zwar niemand auf dem Bürgersteig unterwegs, aber ein Auto würde anhalten, wenn ich angegriffen werde, versichert sie sich selbst. Aber mehr als gutes Zureden ist es nicht. Sie bezweifelt, dass jemand helfen würde.

Die Neujahrsnacht 2016 ist nur zwei Wochen her, ein Silvester mit massiven Angriffen großer Gruppen junger Männer aus dem nordafrikanisch-arabischen Raum auf deutsche Frauen auf öffentlichen Plätzen. Die Frauen wurden in die Enge getrieben, betatscht, bedrängt und beraubt. Das eingesetzte Polizeiaufgebot war zu gering angesichts der organisierten Angriffe von Männerhorden auf Frauen und des Ausmaßes der sexuellen Gewalt. Erst zwei Tage später erfuhr die Bevölkerung davon. In Deutschland brodelt es seitdem. Es geht um die aktuelle Welle von Flüchtlingen, Terrordrohungen, Gesetzesverschärfungen, Wertediskussionen. Aus allen Lagern kommen gute Ratschläge und reichlich Polemik. Was den Frauen bleibt, ist die Angst und die Unsicherheit.

Ich drehe mich nicht um. Ich wechsle nicht die Richtung, um über die Ampel auf die andere Straßenseite zu gehen, befiehlt sich Olivia. In der Jackentasche umfasst ihre rechte Hand die Dose mit dem Pfefferspray. Ein Stück Sicherheit. „Das ist zurzeit der meistgekaufte Artikel“, erklärte ihr der freundliche ältere Herr im Waffen-Bock, dem alteingesessenen, renommierten Frankfurter Waffengeschäft.

Die Männer kommen auf sie zu. Grinsen sie? Gehen sie nebeneinander, damit Olivia auf dem Bürgersteig nicht an ihnen vorbei kann? Under Pressure! Olivia hält sich an der Dose in ihrer Tasche fest. Ich lebe hier. Dies ist ein freies Land. Nein, die Männer formieren sich, gehen hintereinander, halten Abstand, suchen keinen Blickkontakt.

Während sie an ihnen vorbeiläuft, starr, wie eingefroren, fühlt sie sich immer noch unsicher. Under Pressure!

Die Ausländer entfernen sich, reden leise in einer Sprache, die sie nicht versteht und auch nicht verstehen will. Das Gespräch der Männer hallt in ihren Ohren wie ein Echo, weil ihre Nerven angespannt und ihre Sinne überreizt sind. Ihre nasse Hand klebt an der Pfefferspray-Dose. Erschöpft lehnt sich Olivia an eines der parkenden Autos. Das reicht mir nicht, denkt sie fieberhaft. Rutger ist Förster und Jäger. Er muss mir beibringen, wie man schießt. Ist illegal. Wen kümmert es? Wenn die Polizei mich nicht schützen kann, tue ich es selbst.

Als sie aufblickt, sieht sie eine ältere Dame auf sich zukommen, eingehüllt in einen knielangen Mantel mit Leopardenmuster, einen Königspudel an der Leine. Als sie näher herangekommen ist, sind das blondierte Haar und das auffällige Make-up deutlich zu erkennen. Flüchtig blickt die Frau zur Seite, sieht Olivia für einen kurzen Moment direkt in die Augen. Ein arrogantes, erstarrtes Gesicht. Die Blonde bleibt stehen, zündet sich eine Zigarette an.

Darauf ist Olivia neidisch. Sie raucht seit fünfzehn Jahren nicht mehr, hat schon lange kein Verlangen mehr nach einer Zigarette. Aber jetzt würde sie gerne eine qualmen.

Die Leoparden-Frau und ihr Hund schreiten weiter, beide mit trotzig erhobenem Kopf.

Nachdem ihr Atem sich beruhigt hat, setzt Olivia ihren Weg fort in Richtung Nordend, hölzern und fröstelnd. Sie überquert die Straße, läuft den Oederweg entlang. Vor dem Schaufenster eines kleinen Geschäftes bleibt sie stehen, nur um einen Blick auf ihre Erscheinung zu werfen. Die Beleuchtung ist sehr gut und ihr Spiegelbild, ziemlich klar zu erkennen. Eine mittelgroße, sehr schlanke Frau in einem schmal geschnittenen Kamelhaarmantel mit etwas schrägen dunklen Augen in einem blassen Gesicht blickt ihr entgegen. Sie zupft ein paar kurze dunkle Haarsträhnen zurecht. Dann setzt sie ihren Weg fort zwischen alten Häusern, die es hier in Frankfurt noch viel häufiger gibt als in Mainz, nicht nur weil Frankfurt größer ist, sondern auch, weil hier im Krieg nicht so viel zerstört wurde. Die Patrizierhäuser und Villen, zwischen denen sich ausladende, jetzt kahle Bäume im Wind wiegen, wechseln sich allmählich mit einfacheren alten Häusern ab. Unablässig Verkehr, Lärm, geschäftige Menschen. Seit Silvester nimmt Olivia die Frauen mit den Kopftüchern wahr und die vielen bärtigen Männer mit dunklen Teint. Das ist früher nicht der Fall gewesen. Ausländer, Migranten … es war Olivia gleich – jetzt nicht mehr!

Sie biegt in die Falkensteiner Straße, dann in die Humbrachtstraße. Es wird ruhiger, eleganter. Die alten Villen erzählen Geschichten, von den Erfolgen und Krisen der reichen Bürgersfamilien.

Um sich das Haus, das zu der Adresse gehört, besser betrachten zu können, geht sie auf die andere Seite der Straße. In der Wintersonne leuchtet die rote Farbe des vierstöckigen alten Gebäudes, der Turm auf der rechten Seite wirkt trotzig. Oberhalb des zweiten Stockes befindet sich ein Band aus grauem Stein mit erhabenen Ornamenten, vielleicht Wappen. Vor dem Erdgeschoss und dem Geschoss darüber wölben sich graue Steingeländer vor Balkonen.

Wie wunderschön. Olivias Herz macht einen Sprung. Instinktiv greift sie nach dem Zeichenblock in ihrer Umhängetasche. Ihr bleiben fünf Minuten. Der Bleistift ist wie immer griffbereit in ihrer Jackentasche. Mit schnellen geübten Strichen wirft sie die Umrisse der Villa auf das Papier. Für einen kurzen Moment ist sie entrückt, ebenso fokussiert wie frei in einer Welt, die in ihrem Inneren kreist. Sie überlässt sich deren Strömungen und Energien. Wie immer kehrt sie aus diesem Zustand entspannt und erfrischt zurück in den Alltag. Lächelnd betrachtet sie die Skizze, die sie zum ersten Mal sieht. Flow. Die Psychologen und Esoteriker nennen es Flow. Seufzend verstaut sie ihre kostbaren Zeichenutensilien.

Zwei Frauen mit Kopftuch in langen Gewändern spazieren gemächlich an dem roten Haus vorbei, gefolgt von einer lachenden Gruppe junger Leute, wahrscheinlich Schüler und Schülerinnen einer oberen Klasse. Das ganz normale Leben!

Wieder seufzt Olivia. In diesen Tagen ist wird das Leben, das man kennt, ausgehebelt, umgewälzt, in Frage gestellt … und die Deutschen verhalten sich gerne still, denn das Grauen des tausendjährigen Reiches ist noch nicht allzu lange vorbei …

Esther Neumann, Tochter einer alteingesessenen Frankfurter Familie, unverheiratet, Malerin, Kunstsammlerin wartet auf Olivia May, um sich mit ihr über das Konzept ihrer Ausstellung „Die 70er Jahre – Alltag in unseren Städten“ zu unterhalten.

Mit nervösen Blicken sucht Olivia ihre unmittelbare Umgebung ab. Immer verzweifelter bewegt sie den Kopf hin und her, schaut, sucht. Wo bist du? Kurz bevor Panik sie erfasst, fängt sich ihr Blick an einer Stelle vor dem Eingang des roten Hauses. Die keltische Heilerin, die weise Frau steht dort, mit wehenden rotgoldenen Haaren, in einen langen rot und grün karierten Umhang gehüllt. Sie winkt Olivia zu. Dann verblasst die Erscheinung.

Nun denn. Es ist soweit. Olivia strafft sich. Das hier ist eines von den wichtigen Dingen.

Mit federnden Schritten überquert sie die Straße.

 

„Ist das – Fritz Teufel?“ Olivia dreht ihren Kopf zur Seite und blickt Esther Neumann mit großen Augen an.

„Ja, Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann.“ Esther schmunzelt.

Wie schön sie ist. Olivia ist von der älteren Frau fasziniert. Sie muss Ende sechzig sein. Sicher ist das Rotbraun ihres Haares nicht die Naturfarbe, vielleicht ist ihr Gesicht auch geliftet, wenn, dann allerdings dezent.

Esthers tiefbraune Augen lächeln Olivia an. Über dem schmalen Gesicht mir den hohen Wangenknochen liegt ein Hauch von Spott. Der orangerot geschminkte Mund kräuselt sich ganz leicht an den Seiten.

Sie ist kaum geschminkt, hat so wenige Falten. Olivia ruft sich zur Ordnung. Konzentrier dich! „Teufel hat doch die Kommune 1 in Berlin ins Leben gerufen, nicht wahr?“ Sie spürt, wie ihr vor Erregung heiß wird. Die 68er – eines ihrer Lieblingsthemen. „Kannten sie ihn?“ Ihre Stimme vibriert.

Esther seufzt, berührt Olivia leicht am Arm, wendet sich von der Wand mit Gemälden, Zeichnungen und Fotos ab, geht zu dem eleganten Glastisch. Mit einer Handbewegung fordert sie Olivia auf, Platz zu nehmen, auf einem der beiden orangefarbenen Sessel.

Eilig kommt Olivia der Aufforderung nach. Sie registriert den üppigen Apfelkuchen, der in der Mitte des Tisches auf einer Kuchenplatte angerichtet ist, neben einer Glasschüssel mit Sahne. Orange muss ihre Lieblingsfarbe sein, fällt ihr ein. Teller, Tassen und die Kaffeekanne leuchten in einem hellen Orange.

Ohne zu fragen, schenkt Esther ihr Kaffee ein. „Ja, ich kannte ihn, nicht so gut, wie ich wollte, aber immerhin.“ Sie lächelt Olivia zu, verschmitzt Dabei sieht sie sehr jung aus. Während sie den Kuchen anschneidet und auf die Teller verteilt, redet sie weiter, mit einem sehnsüchtigen Unterton in der Stimme. „Wie er habe ich Ende der 60er- Jahre an der Freien Uni in Berlin Germanistik, Publizistik und Theaterwissenschaften studiert. Für kurze Zeit war ich Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.“

„Waren Sie auch in der Wohngemeinschaft, in der K1?“ Olivia beugt sich nach vorne, um ihren Kuchen zu essen.

„Nur wenige Male. Ich gehörte nicht zum inneren Kreis.“